Logo Kulturerbe
Januar
Februar
März
April
Mai
Juni
Juli
August
September
Oktober
November
Dezember

Herr über Nadeln und Fäden

Bernhard Hollenstein hat in seinem Leben schon Millionen von Stichen gemacht. Auch mit 80 Jahren sitzt er noch täglich an seiner Handstickmaschine und stickt Abzeichen. Er ist einer der letzten Handsticker in der Ostschweiz.

156 Nadeln werden gleichzeitig durch die grosse Stoffbahn gezogen, und es klingt, als würde ein immenser Blasbalg mit Luft gefüllt. Ein leises hohes Zischen wie ein feiner Wind folgt darauf, wenn die Fäden durch den Stoff gezogen werden. Bernhard Hollenstein dreht an der Kurbel seiner Handstickmaschine, die im Keller seines Bauernhauses in Dreien oberhalb von Mosnang steht. Vor und zurück zieht die Maschine mit kleinen zangenartigen Kluppen die Nadeln durch den Stoff. Langsam entsteht ein Edelweiss.

Als Fünfjähriger hat Bernhard Hollenstein hier gelernt, mit der Fädelmaschine die Nadeln mit Fäden zu versehen. Heute ist er 80 Jahre alt und stickt immer noch jeden Tag. Er hat sein Leben Stoffen, Nadeln und Fäden gewidmet. Wenn er einmal nicht an der Stickmaschine sass, war er als Fergger unterwegs, um neue Handsticker zu suchen oder sie mit Stoffen für die Aufträge zu beliefern.

100 Stiche in einer Stunde

Um seine Handstickmaschine Aussenstehenden zu erklären, nimmt Bernhard Hollenstein einen Stickrahmen zur Hand. Er demonstriert, wie die Frauen früher damit gestickt haben, wie sie die Nadel von oben durch den Stoff steckten, sie unten drehten und wieder zurücksteckten. «Die Maschine kann die Nadel nicht umdrehen. Deshalb verwende ich hier Nadeln, die auf beiden Seiten eine Spitze haben, der Faden wird in der Mitte eingefädelt und festgeknüpft», sagt der Handsticker. Und weil die Kluppen sich nicht flexibel über den Stoff bewegen lassen, um das Muster zu sticken, wird der Stoff hin und her bewegt. Bernhard Hollenstein steuert ihn mit dem Pantografen, unter dem das vergrösserte Muster liegt.

Die Handstickmaschine wurde 1823 von Josua Heilmann erfunden. Das Modell in Bernhard Hollensteins Keller stammt aus dem Jahr 1890 und wurde von Karl Bleidorn in Arbon gebaut. Mit ihr kann Bernhard Hollenstein rund 100 Stiche in der Stunde machen. Er stickt vor allem Abzeichen, die er heute noch verkauft. Früher hat er das Krokodil von Lacoste und Edelweiss für Jordi-Uhren gestickt. Heute stickt er vor allem für Vereine. Auch seine gestickten Blumenkarten laufen gut. Und Trachtengruppen bestellen oft den Chüelisteg, das traditionelle Muster, das in die Trachtenhemden eingenäht wird.

40 Jahre als Fergger unterwegs

Bernhard Hollenstein ist schon im Toggenburger Stickerhaus aufgewachsen. Sein Vater hat ihm beigebracht, die Handstickmaschine zu bedienen. In der Freizeit haben er und seine vier Geschwister beim Fädeln und Sticken geholfen. Die sechs Jahre Primarschule hat Bernhard Hollenstein in acht Jahren halbtags absolviert. «Wir waren 70 Kinder in der Klasse», erinnert er sich. Die Oberstufe besuchte er nicht. Eigentlich wollte er als Bub Postautochauffeur werden. «Unser Vater fuhr einmal mit uns in die Lenzerheide. Die vielen Kurven waren ein Erlebnis.» Aber als Bernhard Hollenstein 15 Jahre alt war, besuchte Albert Würmli aus St. Gallen die Familie und sah den Jungen sticken. «Er sagte, ich könne zu ihm nach St. Gallen kommen und Fergger werden. Das war ein grosses Kompliment für mich und ein spannendes Angebot», sagt Bernhard Hollenstein. 40 Jahre lang arbeitete er bei der Firma Altoco AG in St. Gallen. Zuerst bildete er dort neue Handsticker aus, und später war er als Fergger unterwegs. Er war der Mittelsmann zwischen den Rohstofflieferanten und den Stickern. Er hat diese mit Stoffen und Aufträgen beliefert und die fertige Ware wieder abgeholt. Bernhard Hollenstein erlebte den Niedergang der Textilindustrie. «Das war sehr schmerzlich, und zeitweise hatte ich auch Existenzängste.» Als die Firma 1993 Konkurs ging, durfte er Muster mitnehmen und konnte auch einige Kunden behalten. Er stickte auf der Maschine im Keller seines Elternhauses weiter, das mittlerweile ihm gehörte. Trotzdem blieb er mit seiner Frau in St. Gallen wohnen. «Sie hätte sich hier nicht wohl gefühlt.» Erst nach ihrem Tod zog Bernhard Hollenstein nach Dreien zurück.

Einen Nachfolger für seine Stickarbeiten hat Bernhard Hollenstein nicht. Seine Kinder haben andere Berufe gelernt. Aber ans Aufhören denkt er nicht. «Wenn es die Gesundheit erlaubt, will ich noch lange weitersticken.»

Beitrag Tagblatt vom 29.04.2017

mehr...