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Die «andere» Schweizer Volksmusik

Kennen Sie die Schweizer Volksmusik, die vor dem Jahre 1800 gespielt wurde? Sie hat wenig mit dem heute allseits gespielten «Ländler» zu tun. Durch sorgsame Pflege und Dokumentation rettet Urs Klauser die alten Stücke und Instrumente, deren Klänge und Melodien in die Zukunft. Er hat sich einer Leidenschaft verschrieben – und lässt dabei dieses wertvolle kulturelle Erbe in unserem kollektiven Gedächtnis weiterleben. Interview: Jasmin Weber

Lieber Urs, du bewahrst kulturelles Erbe in zweierlei Hinsicht. Zum einen beherrschst du das traditionelle Handwerk des Instrumentenbaus, zum anderen lässt du die alte Volksmusik durch die Aufführung weiterleben. War dir deine Rolle als Bewahrer von Kulturgut schon immer bewusst?

Nicht wirklich. Als ich in den 1970er-­Jahren zusammen mit Beat Wolf, einem Instrumentenmacher aus Schaffhausen, die Forschungsarbeiten zur alten Schweizer Volksmusik aufnahm, rekonstruierten und spielten wir zugleich die alten Instrumente. Unsere praktische Vorgehensweise wurde von Musikwissenschaftlern und Volksmusikanten meist belächelt oder gar abgelehnt. Wir aber waren von unseren Ideen und Forschungen überzeugt und fuhren unbeirrt fort. Wir wollten das tun, was wir liebten, und den Menschen die «andere», unbekannte Seite der Schweizer Volksmusik aufzeigen. Inzwischen werden wir oft als «Pioniere der alten Volksmusik» gewürdigt, und unsere Arbeit dient anderen Musikern als Inspirationsquelle für eigene Interpretationen. Kulturgut zu bewahren war wohl meine Absicht, ohne dass mir dies jedoch bewusst war.

Wie muss man sich Volksmusik um 1800 in der Ostschweiz vorstellen?

Die Volksmusik war ständig den Einflüssen anderer Regionen und Moden ausgesetzt. Sie wanderte, nahm fremde Melodien auf oder wurde aufgrund von Werteveränderungen manchmal ganz ausgetauscht. Wie in anderen Teilen der heutigen Schweiz waren die Musikbesetzungen kleiner, die Tänze einfacher und meist nur zweiteilig. Es wurde viel improvisiert und variiert. Neben den noch heute bekannten Saitenin­strumenten waren auch Holzblasin­strumente, zum Beispiel die Schalmei, Flöten oder die Sackpfeife, in unserer Region verbreitet.

Woher kommt deine Leidenschaft für die alte Schweizer Volksmusik?

Gross geworden in einer kunstliebenden Familie faszinierte mich die Volksmusik schon als kleiner Bub. Das Schlüsselereignis spielte sich im Jahr 1976 ab, als ich einen Dudelsackbau-Kurs in der Oberpfalz (D) besuchte. Von da an liess mich die Geschichte des Dudelsackes nicht mehr los. Ich war davon überzeugt, dass, wenn so nahe an unserer Region Dudelsäcke existiert hatten, diese auch bei uns in der Volksmusik eine Rolle gespielt haben mussten. So begann meine jahrelange, passionierte Forschungsarbeit. Der Kursleiter Tibor Ehlers wurde zu meinem «Lehrmeister» und brachte mir nicht nur das Drechseln und das Herstellen von Rohrblättern, sondern auch das Spielen auf der Sackpfeife bei.

Seither baust du nicht nur die einstigen Instrumente nach, sondern widmest dich auch der Erforschung und Aufführung alter Volksmusik?

Richtig. Die Rekonstruktion alter In­strumente war anfänglich natürlich wichtig, um überhaupt musizieren zu können. Nur wenige Originalinstrumente blieben erhalten. Von der Sackpfeife existierte sogar kein einziges Exemplar mehr. Durch aufwendige Forschungsarbeit konnten wir viele der raren Quellen alter Volksmusik aufspüren. Dazu gehören zum Beispiel ein Appenzeller Kuhreihen oder Tänze aus den Lautentabulaturen des 16. Jahrhunderts. Rar sind sie, weil damals nur gebildete Menschen Noten schreiben konnten. Liedtexte waren unter anderem mit sogenannten «fliegenden Blättern», die an Jahrmärkten verteilt wurden, dokumentiert. So erwecken wir die alte Volksmusik zu neuem Leben und ergänzen sie sorgfältig mit modernen Texten und Melodien.

Wie kann das Erhaltene den Sprung ins kollektive Gedächtnis schaffen?

Eine wichtige Rolle spielt beispielsweise das Roothuus Gonten, das Zentrum für Appenzeller und Toggenburger Volksmusik. Es leistet Archivierungsarbeit, ist zentral organisiert und öffentlich zugänglich. Kurse und Veröffentlichungen sorgen dafür, dass sich das Archivierte entfalten und entwickeln kann. Es wäre schön und wichtig, wenn dieses andere Bild der Schweizer Volksmusik von den Medien einer breiten Bevölkerungsschicht vermittelt und neben dem volksmusikalischen Mainstream-Programm hie und da auch Überraschendes und Kurioses auftauchen würde.

Warum ist es wichtig, dass die alte Schweizer Volksmusik bewahrt und gepflegt wird?

Mit altem Kulturgut muss behutsam umgegangen werden – es soll wertgeschätzt werden. Daraus entsteht die wichtige Erkenntnis, dass Kulturgüter nur überleben, wenn sie sich mit der Zeit wandeln können. Es geht um ein Nebeneinander von Alt und Neu, wie es Gustav Mahler treffend formulierte: «Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.» Es ist doch erstaunlich zu sehen, wie archaische Instrumente perfekt mit sehr modernen Instrumenten harmonieren.

Mehr Informationen:

www.tritonus.ch.

Lauschen Sie den Klängen alter Volksmusik, gespielt von Urs Klauser und weiteren Musikerinnen und Musikern am Freilichtspiel «Ueli Bräker – der Arme Mann im Tockenburg». Aufführungen finden statt bis zum 12. August 2018 in Dreyschlatt bei Wattwil, www.buehnethurtal.ch.

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