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Warum es wichtig ist, sich um das Kulturerbe zu kümmern

Bürli backen, Fossilien im Alpstein entdecken, Ausserrhoder Mundart lauschen: Zig Veranstaltungen in der Region wollen dieses Jahr das kulturelle Erbe ins Bewusstsein rücken. Warum eigentlich?

Das europäische Jahr des Kulturerbes hat es auch in die Ostschweiz geschafft. Seit Anfang Juni kann man sich dem materiellen und immateriellen kulturellen Erbe der Region nähern. Das Amt für Kultur des Kantons St.Gallen versammelt Veranstaltungen, die das kulturelle Erbe thematisieren. Andreas Schwarz, stellvertretender Amtsleiter, weiss warum.

Andreas Schwarz, wieso gibt es das Kulturerbejahr 2018?

Das wurde auf europäischer Stufe ausgerufen und vom Bund aufgegriffen. In der Ostschweiz sind mehrere Verbände und Organisationen an uns herangetreten, doch etwas gemeinsam zu machen.

Und warum braucht es so ein besonderes Jahr?

Zum kulturellen Erbe kommen mir viele Sprichwörter in den Sinn wie zum Beispiel «Wer nicht weiss, woher er kommt, der weiss nicht, wohin er geht». Ich glaube, im Kern geht es darum, Geschichten zu entdecken und zu erzählen. Geschichten vom materiellen und immateriellen Dingen, die uns alle betreffen.

Was sollen diese Geschichten uns erzählen?

Schauen Sie, alles um uns herum erzählt Geschichten. Das materielle Erbe umfasst auch Gebäude, Brücken, Schienen, Strassen – wir bewegen uns täglich mitten in Geschichten! Und auch das immaterielle Erbe erzählt Geschichten, in den ganzen Traditionen oder Sagen, die helfen, die Zeit und das Jahr zu strukturieren. Das Kulturerbe wirkt in den Alltag hinein.

Aber nochmal: Wozu braucht es da so ein Veranstaltungsjahr?

Das Kulturerbejahr soll helfen, dieser Wirkung des kulturellen Erbes nachzuspüren. Und es soll die Bedeutung des Erbes bewusster machen und die Neugierde wecken. Schön wäre es, wenn daraus ein grösseres Wohlwollen gegenüber den Anliegen von Kulturerbe wachsen könnte.

Kulturelles Erbe, das klingt allerdings ziemlich abstrakt.

So ein «Erbe» fällt einem erstmal zu, ob man will oder nicht. Die vorhergehenden Generationen haben das erschaffen und hinterlassen es den nachfolgenden. Das verpflichtet zuerst zum Dialog. Man muss ja entscheiden, wie mit so einem Erbe umgegangen werden soll. Durch diesen Dialog macht man sich die Dinge zu ­Eigen. Das heisst im Idealfall, dass man Gebäude nicht abreissen, Traditionen nicht aussterben lässt.

Die Ostschweiz sei «ausserordentlich reich an Kulturerbe», heisst es in einer Ankündigung.

Das ist sie auch. Die Ostschweiz liegt im Herzen Europas. Sie war immer wieder unmittelbar in grosse geschichtliche Strömungen eingebunden. Viele Städte und Ortschaften haben sich besonders entwickelt, wie zum Beispiel St. Gallen während der Textilblüte. Zu dieser Zeit wurden besondere Gebäude gebaut und Techniken entwickelt, die es sonst nicht gegeben hätte.

Warum planen nur Ausserrhoden und St.Gallen ­zusammen?

Diese Projektpartnerschaft ist in relativ kurzer Zeit entstanden. Andere Kantone und Verbände widmen sich dem Kulturerbejahr auf andere Weise.

Fast alle Veranstaltungen, die unter Kulturerbejahr genannt werden, gäbe es auch ohne dieses Label.

Das ist richtig und ist auch schön. Diesen Anlässen, die sich dem kulturellen Erbe widmen, wollten wir durch diese kuratierte Sammlung eine Plattform geben und zu mehr Aufmerksamkeit verhelfen. Es ist also eine, durchaus pragmatische, Konzentration und Bündelung zu Gunsten von Aufmerksamkeit auf das vielfältige Ostschweizer Kulturerbe.

Beitrag Tagblatt vom 21.06.2018

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Das Wiler «Steckliträge»

Die vier Jahreszeiten sind Ausdruck des Jahreslaufes der Natur, jährlich wiederkehrendes Brauchtum strukturiert den menschlichen Jahreslauf. Leider sind von den typischen Wiler Bräuchen nicht mehr viele vorhanden. Dies ist zwar zu bedauern, doch hat Brauchtum nur dann einen Sinn, wenn es von innen, von den Trägern her lebt und nicht als leere Form, als Tradition im schlechten Sinn, über die Jahre geschleppt wird. Das Wiler «Steckliträgen» im Herbst, genauer Ende September oder anfangs Oktober, gehört zur lebendigen Sorte.

Das folgende Gedicht, das anlässlich des besonders festlichen Umzuges von 1936, bei dem erstmals die neue Fahne der Stadtschützen mitgetragen wurde, von Paul Brändle geschaffen wurde, vermittelt mehr als alle historischen Abhandlungen auch heute noch das spezielle Steckliträge-Gefühl:

Do strahled d Bäckli wie Zinober
bim Steckliträgen im Oktober.
Das ist e Fest, das ist en Chräbel;
do hüpfed d Bei und laufed d Schnäbel.
Viel hundert Chinde strecked si
und recked si und necked si,
und jedes möcht e Steckli ha
mit öppis bsunders Schönem dra.
Do bampled Pfanne, döt e Worst
und dei e Fläsche för de Dorst;
de Seppli treit mit rote Bäckli
e Pärli Finken a sim Steckli.
Und Hoseträger, Schirm und Chappe
siehst lustig um de Stecke gnappe.
Viel Fähnli flattred lustig mit,
dass s recht e farbigs Bildli git,
und Steckli au mit gmolte Brettli,
die Chline trägeds stolz dur s Städtli.
Am Schluss mit Blueme, gad wie d Brut,
stönd d Meitli vom Instidut.
De President git endlech s Zeiche
derab zo n erst Trommlestreiche.
Juhu, jetz goht der Umzug a !
Lueg, wie n er tanzt, de Hampelma !
Und au de Bär chunt mit sim Gwehr
gär trollig und vergnüegt dether.
So gohts mit Musig, Gwehr und Fahne
zum Schlusseffekt derab in Schwane,
wo jedes Chind, das öppis treit,
fürs Butterringli danke seit.
Und s Steckliträge - o herjeh -
ist scho verbi - - of Widerseh !

Aus Anlass des Endschiessens der Stadtschützen führt jeweils der festliche Umzug vom Hofplatz durch die Stadt, früher ins Schützenhaus am Stadtweiher, später ins Hotel Schwanen, heute zum Tonhalleschulhaus. Die auf diesen Anlass hin von den Vereinsmitgliedern und Gönnern gespendeten Gaben werden, an Stecken gebunden, von der Schuljugend mitgetragen. Als Lohn winkt heute wie früher ein gesottener oder Butter-Ring. Der zottelige Wiler Bär, der feuerrote Schybezeiger und die bunten Pejasse sind die nicht wegzudenkenden Bestandteile des Umzugs, ebenso wie die Wiler Trachten, wie die Tambouren und die Stadtmusik und, selbstverständlich, die Schützen und die Zeiger. In einer Wiler Chronik wird besonders das Treiben der Kinder wie folgt beschrieben: ... Bei diesem Anlasse ergötzte sich die Kinderwelt durch Spielen mit Nüssen oder anderer Art, und dann an den Gaben von Brötchen oder gesottenen Ringen, die der Bestgewinner des Tages vom zweiten Stock herab unter sie 'röpfeln', das heisst werfen liess, wo dann das Untereinanderpurzeln der rüstigen Jugend selbst dem so ernstgestimmten Zuschauer oft noch ein Lächeln abnöthigten. Ab 1874 gehörten die Wiler Kadetten, gebildet aus den Knaben der Realschule, ebenfalls zum Umzug, bis diese Form des militärischen Vorunterrichts in den 20er-Jahren unseres Jahrhunderts aufgehoben wurde.

Wie es sich für einen lebendigen Brauch gehört, ist über die Entstehung des Steckliträgens wenig zu erfahren. Gewiss dürfen die häufigen und regelmässigen Vergabungen im 15. und 16. Jahrhundert von Wein und Hosen durch den Schul-theiss und die Räte auf das letzte Schiessen hin als Vorläufer des Stecklitragens angesehen werden. Erste Notizen über einen eigentlichen Umzug aber finden sich erst im Ratsprotokoll von 1665, wo zum Beispiel 1669 alle Schützen, ohne die Ratsherren, am Umbzug teilzunehmen hatten. In den Schützenprotokollen selber finden sich ganz wenige Notizen aus älterer Zeit. Erst im 19. Jahrhundert sind ausführliche Listen über die Spender und ihre Gaben zu finden. In der Regel wurden Sachspenden bevorzugt, doch sind auch etliche Geldspenden vermerkt. So brachte beispielsweise1853 der Gabentempel die respektable Summe von Fr. 196,70, die von total 37 Spendern aufgebracht wurden. Akribisch genau wurde dabei aufgezeichnet, aus welchen Motivationen die Gaben denn geleistet wurden. So sind allein 19 Spenden infolge der in diesem Jahr erfolgten oder bestätigten Beamtung zu finden, gefolgt von 10 Nennungen wegen Heirat. Für 7 Spender wird eine Erbschaft als Grund vermerkt. Die nun folgende Notiz erhellt die Methode zur Erlangung von Gaben, indem eine Aufstellung von Personen folgt, die nichts spendeten. Unter dem Titel Von den sämtlichen, persönlich durch den Schützenrath beglückwünschten haben einzig nichts verabreicht : werden sie aufgelistet, und diverse Bleistifbemerkungen zeigen, wie übel ihr Vergehen vermerkt wurde.

Beitrag Werner Warth, Wil

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Der Reichtum des Löwenhofs Rheineck

Das prunkvolle Gebäude des Löwenhofs in Rheineck gilt als grossartigstes Herrschaftsgebäude des 18. Jahrhunderts im Kanton St.Gallen.

Im Auftrag des reichen einheimischen Handelshauses Heer (Seiden- und Wollstoffe) wurde der dreigeschossige Löwenhof 1742/46 als Sommersitz erbaut. Später war er im Besitz des Kaufmanns und Magistraten Jakob Laurenz Custer. Die Barockanlage ist eine hervorragende Verbindung von Gebäude und umgebendem Garten und stellt ein Kulturdenkmal von nationaler Bedeutung dar.

Im Innenhof des U-förmig angelegten Löwenhofs befindet sich eine französische Gartenanlage mit Pavillon, Orangerie und Springbrunnen. Der Pavillon überblickt Garten und Löwenhof perfekt. Mit wundervollen Deckenstuckaturen wäre das Nebengebäude wohl auch als einzelnes Haus eine Sehenswürdigkeit. Die Orangerie ist ein weiteres Zeichen für den Reichtum des Löwenhofs. Ursprünglich wurden Orangerien als repräsentative Gewächshäuser für Zitrus- und andere exotische Pflanzen gebaut. Heute wird sie als Atelier (Steinbildhauerei) genutzt.

In Rheineck können weitere Gebäude von kultureller Wichtigkeit bestaunt werden, wie etwa das alte Waisenhaus, das Haus zur Grueb, der Custerhof oder das Rathaus. Mehr Informationen dazu finden Sie hier.

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Der Letzte seiner Art

Hans Schwendener aus Buchs ist der letzte Töpfer, der noch Talerschwingbecken herstellt. Dabei handelt es sich um eine konisch zulaufende Schüssel, die durch ein rollendes Fünffrankenstück zum Klingen gebracht wird. Üblicherweise benötigt man für das Talerschwingen, das so manchen Jodler begleitet, ein Set aus drei verschieden grossen, zueinander gestimmten Schalen. Diese offenen «Gefässrasseln» sind Teil des Ostschweizer Brauchtums und besonders im Appenzellerland und Toggenburg beheimatet.

Nicht jeder Töpfer kann diese Schwingbecken herstellen. Für die grösste Schüssel des Sets sind beispielsweise sechs Kilogramm Ton notwendig – dafür braucht es einerseits Kraft und die Kenntnis, wie dieser in Form gebracht werden muss. Andererseits müssen die Brennöfen gross genug sein. Jede Schüssel ist ein Unikat und muss «auf den richtigen Ton getöpfert» werden, Grösse und Form sowie der Brennvorgang sind dabei nur einige der vielen Kriterien, die beachtet werden müssen.

Spezialist aus Leidenschaft

Der 69-jährige Schwendener übt diesen Beruf seit seinem 14. Lebensjahr aus, seit 1969 als selbstständiger Keramiker. Anfangs tüftelte er drei Jahre, um herauszufinden, wie das optimale Talerbecken hergestellt werden muss. Der beharrliche Buchser hat bald bemerkt, dass er sich darauf spezialisieren kann. Während andere Berufskollegen der Konkurrenz von Massenproduktion Tribut zollen mussten, kann sich Schwendener vor Aufträgen kaum retten. Etwa fünfhundert Talerschwingbecken stellt er pro Jahr her; praktisch jedes in der Schweiz verkaufte Becken wurde in seiner Werkstatt gefertigt. Anfragen kommen sogar aus dem Ausland.

Täglich arbeitet Hans Schwendener in seiner Werkstatt, stellt bis zu vierzig Rohlinge her. Und obwohl längst im Pensionsalter will er weitermachen, solange seine Kunden mit den Becken zufrieden sind. Wer wird die Becken wohl herstellen, wenn er es einmal nicht mehr kann? Findet sich jemand, der das Handwerk zu gleicher Meisterschaft bringt – oder wird es statt Unikaten

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Als der Gemeinderat Uznach in einer Wirtschaft tagte

Obwohl es in Uznach längst ein Rathaus gab, tagte der Gemeinderat über viele Jahre nicht dort, sondern in einer Wirtschaft. Lokalhistoriker Alois Beretta weiss einiges über die Beizen in früheren Zeiten zu berichten.

Heute hält der Gemeinderat Uznach seine Sitzungen im Vettiger-Zimmer im Rathaus. Zwar hiess das grosse Haus mitten im Städtchen immer Rathaus, aber hier tagte früher nicht der Uzner Rat, sondern hier hielten der Landrat und das Gericht seine Sitzungen ab. Es wurden hier die Grafschaftsgeschäfte erledigt. Das Haus gehörte denn auch zu einem Drittel der Stadt, zu zwei Dritteln den umliegenden Gemeinden Schmerikon, Eschenbach, Goldingen, St. Gallenkappel, Gommiswald und Ernetschwil.

Die Behörde der Gemeinde tagte in einer Wirtschaft, und das auch nach Schaffung der Politischen Gemeinde. Zeitweise sassen bis zu drei Wirte im Rat. Die Gastwirte waren oft angesehene und einflussreiche Persönlichkeiten. Es lag nahe, bei ihnen die Sitzungen abzuhalten, schon weil es keine andere Möglichkeit gab. Diese Praxis dauerte bis um 1900, als das Rathaus zur Nutzung durch die Behörden umgebaut wurde. Schreiber und Säckelmeister standen im Nebenamt und erledigten ihre Arbeiten zu Hause. Erst allmählich war zuerst der Gemeinderatsschreiber, dann der Kassier vollamtlich tätig.

Dass zu den Zeiten, als der Gemeinderat in einer Wirtschaft tagte, das Amtsgeheimnis locker gehandhabt wurde, ist nicht überliefert. Später wurde es dann legendär, dass noch am Abend nach Schluss der Gemeinderatssitzungen in der gegenüberliegenden Wirtschaft «Blume» brühwarm über die Sitzung berichtet wurde. Am nächsten Tag wurde dann das Neueste im «Bahnhof» ausgebreitet.

Partei-Wirtschaften

Einige Gaststätten waren eindeutige Parteilokale. Die «Blume», das «Brüggli» und die «Krone» waren freisinnig; das «Schäfli» und der «Falken» galten als konservativ. Weil die beiden Steiner-Söhne Otto und Adolf erfolgreich Eishockey spielten, war der «Falken» das Clublokal, während sich die Mitglieder der Harmonie bei ihrem Vereinsmitglied Alfred Steiger in der «Rose» trafen. In der «Krone» trafen sich die Männerchorsänger, im «Rössli» die Turner. Die «Sonne» war das Lokal der Fussballer. Dies darum, weil das Fussballfeld im Ausserhirschland, etwa im Gebiet der Afex-Maschinenfabrik lag.

Zur Zeit der Anbauschlacht wurde die Ortsgemeinde als Grundeigentümerin vor die Wahl gestellt, entweder das Fussballfeld zur Bepflanzung freizugeben oder den oberen Buchwald zu fällen und hier Äcker zu schaffen. Was man heute nach den Erfahrungen an Klaus- und Maimarkt nicht erwarten würde: Die Markttage waren für die Wirtschaften ausgezeichnete Tage. Man erzählt sich, dass der «Burg»-Wirt aus den Erträgen an diesen drei Tagen den Zins zu bezahlen vermochte.

Der inzwischen aufgegebene Tönimarkt war der Bedeutendste. Bis zu diesem Tag im Januar wussten die Bauern, ob sie über genügend Futter bis zum Frühjahr verfügten, um ihre Tiere durchzufüttern, ob sie Vieh verkaufen oder gar kaufen sollten. An den Marktabenden wurde im «Burg»-Saal, im «Hirschen», in der «Rose», im «Ochsen» und im «Gemsli» zum Tanz aufgespielt. Am Sonntag klagte der Pfarrer auf der Kanzel über das sündhafte Treiben am Vorabend. Im Saal der «Burg» stand etwa ab 1955 der erste öffentliche Fernseher. Gegen eine Gebühr von 50 Rappen und bei Konsumation – versteht sich – durfte man hier die Fernsehprogramme verfolgen».

Bis zum 2. Dezember kann die Ausstellung «Uznacher Wirtschaften» im Museum Uznach bestaunt werden. Das Museum ist von 10.00 - 12.00 Uhr an folgenden Sonntagen geöffnet: 3. Juni, 2. September, 7. Oktober, 4. November & 2. Dezember.

Aus Anlass des Kulturerbejahres öffnet das Museum am 17. Juli 2018 von 16.00 - 17.30 Uhr ausserordentlich!

Beitrag südostschweiz vom 2.02.2018

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Der Duft des Rheintals

Der Duft des Rheintals ist der Ribelmais! Generationen von Rheintalern sind mit dieser alten Maissorte aufgewachsen. Nur hier im Rheintal umschmeichelt von warmen Föhnwinden und genährt von viel Sonnenschein konnte dieser urwüchsige Mais mit seinen aromatischen Körnern so prächtig gedeihen.

Hier hat er auch seinen eigenen Namen erhalten: Törgge, abgeleitet von «Türken Korn», weil der Mais – einst von Kolumbus aus Südamerika importiert – erst nach langen Umwegen über das Osmanische Reich schliesslich auch ins Rheintal gelangte. Ribel ist das Nationalgericht des Rheintals und hat die Kultur im Rheintal wesentlich geprägt: Zahlreiche Flurnamen zeugen davon, alte Bräuche und Feste ranken sich um den Törgge – etwa die der «Hülschete».

Flums - Die Hochburg der Maskenschnitzkunst

Das Schnitzen von Holzmasken kam im Sarganserland anfangs des 19. Jahrhunderts auf, angeregt durch Wanderarbeiter aus Süddeutschland und dem Tirol. Die älteste Holzmaske, «di Alt» aus Walenstadt, wird auf das Jahr 1832 datiert. Bis in die 1930er Jahren waren die Sarganserländer Holzmasken Charaktermasken. Sie karikierten Dorfpersönlichkeiten mit ausgeprägten Gesichtszügen oder auch Verhaltensweisen wie Schwatzhaftigkeit.

Traditionelle Masken werden bis heute von Schnitzern und Schnitzerinnen hergestellt. Ab den 1930er Jahren kamen zudem Schreck-, Dämonen- und Teufelsmasken auf. Die erste Teufelsgruppe geht auf das Jahr 1954 zurück. Die heute verbreiteten Hexenvarianten entstanden ausgehend von den älteren «Wiibli»-Masken. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte ein eigentlicher Schnitzboom ein. Neben der Nachahmung von alten Masken entstanden kreative Neuschöpfungen.

Flums entwickelte sich zur Hochburg der Maskenschnitzkunst und schuf weit über die Region hinaus bekannte Maskentypen. Das Maskenschnitzen erfreut sich bis heute ungebrochener Beliebtheit. Es wird in der Familie weitergegeben oder kann in Volksschnitzkursen erlernt werden. Wesentlich zur Aufrechterhaltung der Schnitztradition tragen die neugegründeten Schnitzervereine bei. Heute sind rund sechzig Freizeitschnitzer im Sarganserland aktiv.

Hier finden Sie weitere Informationen und lebendige Traditionen der Kantone St. Gallen und Appenzell Ausserrhoden.

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​Das St.Galler Bürli ist vom Aussterben bedroht

Es fristet sein Dasein im Schatten der Bratwurst. Das Bürli, oder wie man in St.Gallen sagt: das St.Galler Bürli. Denn in der Gallusstadt ist das Bürli viel mehr als nur ein Bürli. Ein St.Galler Bürli, eben. Ein Stück Tradition. Ein Zusammenspiel von knuspriger Kruste und zarter Krume, aussen mehlig und schroff, innen seidig glänzend und weich.

Müsste sie sich zwischen Wurst und Bürli entscheiden, sie würde ohne Zögern das Bürli wählen, sagt Maja Tobler. Die Bäckerin und Konditorin aus Staad verkauft seit acht Jahren unter www.brotbackmischungen.ch ihre eigenen Mehlpackungen. Seit neustem ist auch eine St.Galler-Bürli-Mischung im Angebot, in einer hellen und einer dunklen Variante. Es ist das meistverkaufte Produkt im Sortiment. Tobler schickt die Mehlpackungen an Auslandschweizer, liefert an Heimweh-St. Galler im ganzen Land, begrüsst Kursteilnehmer aus Uri, Basel und Bern in ihrer Backstube in St. Gallen. Für ein Ehepaar, das gerne segelt, füllt die 55-Jährige besondere Kleinpackungen ab. Damit das Paar auch auf hoher See nicht aufs St. Galler Bürli verzichten muss.

So ist das mit dem St.Galler Bürli: Damit verbunden sind immer persönliche Geschichten. Fast jede und jeder ist mit einem ganz bestimmten Bürli von einem ganz bestimmten Beck aufgewachsen. Mit einem ganz bestimmten Geschmack also, den man seit der Kindheit kennt und als Erwachsener immer wieder sucht – leider aber immer seltener findet. Zwar gibt es Bürli mittlerweile an jeder Tankstelle. Aber mit dem Original haben diese von Maschinen geformten, mit Zusatzstoffen aufgemotzten Klone nichts mehr zu tun. «Das echte Bürli ist vom Aussterben bedroht», sagt Maja Tobler, die mit ihren Backmischungen und -kursen das Überleben der Bürli-Tradition sichern will. Was sie meint, versteht man spätestens dann, wenn man an einem Grillstand zur Bratwurst wieder einmal nur eine Scheibe Brot in die Hand bekommt.

Was macht das St.Galler Bürli aus? «Das Geheimnis ist das Wasser», sagt Tobler. Sie verwendet sieben Deziliter Wasser auf ein Kilo Mehl, mehr als für jedes andere Kleingebäck. Sie lässt den flüssigen Teig in einer Wanne gehen, wo er sich breitmachen kann. Mit mehligen Fingerspitzen sticht sie anschliessend die einzelnen Stücke aus dem Teig, lässt sie in einer fliessenden Handbewegung aufs Backblech gleiten, immer zwei nahe beieinander, damit sie sich im Ofen miteinander verbinden können.

Eine Maschine würde innert Minuten hunderte, wenn nicht tausende Bürli formen und auf Blechen platzieren. Alle gleich gross, alle gleich rund, alle perfekt, alle langweilig. Anders Bäckerin Tobler. Lässt sie den Teig einmal los, rührt sie ihn nicht mehr an, lässt die Bürli so, wie sie sind, auf dem Blech liegen. Obwohl da und dort ein Teigzipfel herausragt und jedes Exemplar Dellen hat. Für Tobler gehört das dazu: «Jedes Bürli darf so sein, wie es herauskommt. Egal, wie es aussieht: Jedes Bürli ist schön.»

So gesehen ist das St. Galler Bürli eben mehr als ein Stück Tradition. Es ist ein Plädoyer für mehr Vielfalt. Ein Gebäck gewordener Widerstand gegen das genormte Leben. Der widerborstige Begleiter der stromlinienförmigen Bratwurst, die sich von aussen immer gleich präsentiert. Bürli backen ist Divercity Management, würde der CEO sagen, der weiss, dass bunt gemischte Teams die besten sind. Das gilt auch beim Backen: ein paar kantige, unförmige Bürli erfreuen Auge und Gaumen mehr als Fabrikbrötli, die wie aus der Form gestanzt sind und auch so schmecken.

Eine knappe halbe Stunde sind die Bürli schon im Ofen. Maja Tobler stülpt sich dicke weisse Handschuhe über und zieht das Blech aus der Hitze. Da liegen sie auf Backpapier: wohlgeordnet zwar, aber doch jedes ein Unikat. Weissmehl leuchtet auf goldgelber Kruste, Luftbläschen zeichnen sich dort ab, wo die Hefe am Werk war. Ein feines Knirschen erklingt beim ersten Bissen. Es stimmt, fürwahr: Für so ein Bürli lässt man jede Wurst stehen.

Beitrag Tagblatt vom 19. Februar 2018

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St.Gallen war schon vor 100 Jahren farbig

Alte Ansichtskarten sind einerseits spannende Belege für die Lokalgeschichte. Anderseits wecken sie bei vielen Betrachtern angesichts der darauf abgebildeten «guten alten Zeit» auch nostalgische Gefühle. Und es gibt diese alten Karten sogar in Farbe.

Alte Ansichtskarten sind interessante historische Belege. Die Bilder können wertvolle Hinweise zur Baugeschichte eines Ortes liefern. Dies, weil für Ansichtskarten regelmässig über Jahrzehnte immer wieder die gleichen Bauten und Ansichten fotografiert wurden. Dies aber auch, weil auf ihnen häufig auch weniger wichtige Häuser und Strassen abgebildet wurden, für die sich unter Umständen keine anderen fotografischen Belege erhalten haben. Ein Glücksfall für ein Archiv ist natürlich, wenn es die gesammelten Bestände – die Glasplatten, Negative, Abzüge und Fotolisten – eines alten Ansichtskartenverlags erwerben kann. Für die Stadt St.Gallen finden sich solche Beständen in Form der Sammlung Foto Gross im Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde oder in Form der Sammlung des ehemaligen Fotohauses Zumbühl in der Vadianischen Sammlung (die der Ortsbürgergemeinde gehört, aber als Dauerleihgabe in die Kantonsbibliothek eingegliedert ist).

Ansichten von Flohmärkten und aus dem Internet

Zeitaufwendiger, dafür aber auch kostengünstiger als der Erwerb grosser Bestände ist das Sammeln einzelner Ansichtskarten. Es ist in der Regel das Hobby von Privatpersonen, die ihre Schätze auf Flohmärkten, in Antiquariaten und heute vor allem auf Auktionsplattformen im Internet erwerben. Die Preisvorstellungen der Verkäuferinnen und Verkäufer können dort allerdings stark variieren: Auch über 120 Jahre alte Karten mit gängigen Motiven sind bereits für wenige Franken zu bekommen. Für seltene Einzelstücke werden allerdings schon auch einmal ein paar Hundert Franken verlangt. Wie viele Sammlerinnen und Sammler von Ansichtskarten es in der Stadt St.Gallen gibt, ist nicht bekannt. Wer bei Internetauktionen regelmässig mitbietet, begegnet immer wieder den gleichen Konkurrenten. Etwa ein halbes Dutzend Sammlerinnen und Sammler interessiert sich derzeit regelmässig für Motive aus der Gallusstadt. Einige von ihnen kennt man natürlich aus direkten Kontakten. Oder weil sie mit Bildern an die Öffentlichkeit treten. Ein Beispiel dafür ist Peter Uhler, der inzwischen über 5000 alte Ansichtskarten sein eigen nennt und jedes Jahr einen historischen Kalender zu St.Gallen herausgibt. Jener für 2019 ist dem Riethüsli gewidmet (Tagblatt vom 1. November). Ein anderer bekannter Kartensammler ist Pius Jud, seines Zeichens Präsident des Quartiervereins Lachen. Er hat eine der wohl grössten Sammlungen alter Ansichtskarten und Bilder zu diesem Quartier zusammengetragen. Wenn er seine Schätze an den Hauptversammlungen der Quartierorganisation ausbreitet, ist das nicht nur für ältere Bewohnerinnen und Bewohner der Lachen der Höhepunkt dieser regelmässigen Veranstaltung. (vre)

Kulturerbe und gesellschaftlicher Zusammenhalt

Die Konvention von Faro deklariert, dass die Teilhabe am kulturellen Erbe das Recht aller Menschen sei und die Auseinandersetzung damit eine demokratische Fundierung benötige. In ihrem Ton und in ihren Forderungen unterscheidet sich die Konvention damit von vielen Deklarationen zum kulturellen Erbe. Die meisten drehen sich um die Sache, um den Erhalt eines materiellen oder die Pflege eines immateriellen Kulturgutes. Die Menschen erscheinen in ihnen eher als passive Träger denn als aktive und kreative Partizipierende.

Sichtbar wird meist auch eine eher statische und deterministische Perspektive. Statisch, weil kulturelles Erbe meist als etwas Gegebenes betrachtet wird, das man schützen muss. Die Lebendigkeit und die Wandelbarkeit dessen, was überliefert worden ist, wird wenig erkennbar. Deterministisch, weil diese Sicht davon ausgeht, dass eine definierte Gruppe mit einem bestimmten Kulturgut verbunden ist. Die Unesco etwa legt in ihrer Kulturerbe-Politik einen starken Fokus auf gruppenbezogene, etwa ethnisch definierte Kultur, deren Wesen von Lokalität, Kontinuität und ungebrochener Tradierung bestimmt wird. In diesen Konventionen werden wesentliche Elemente des kulturellen Erbes vernachlässigt. Dazu gehören die Wandelbarkeit, die Übertragung, die Neuaufladung, die Aushandlung, der Konflikt, die Macht. Wandelbarkeit, weil jedes kulturelle Erbe einem Wandel unterworfen ist, manchmal einem kaum wahrnehmbaren, manchmal einem sehr rasanten. Das führt zur Frage, welche Form überhaupt zu pflegen ist. Übertragung, weil die ein kulturelles Erbe pflegende Gruppe viel weniger definiert ist als meist wahrgenommen. Die Gruppe kann sich in ihrer Zusammensetzung verändern, sie kann sich spalten. Kulturelle Formen können auch wandern, von neuen Gruppen übernommen und genutzt werden. Neuaufladung, weil sich die Bedeutung des kulturellen Erbes mit der Zeit vollständig ändern kann, der ursprüngliche Sinn verloren geht oder nicht mehr verstanden wird und neue Interpretationen alte verdrängen. Aushandlung, weil kulturelles Erbe nicht einfach von einer Generation an die nächste weitergegeben wird. Was und wie übernommen wird, untersteht einem Aushandlungsprozess, dessen Resultat keineswegs von Anfang an bekannt ist. Und mit diesem Prozess sind meist auch Auseinandersetzungen und Konflikte verbunden. Wer entscheidet, was als kulturelles Erbe gelten soll und was nicht? Dies ist nicht zuletzt eine Frage der Macht. Wer gesellschaftlich dominiert, bestimmt auch den Blick auf das kulturelle Erbe.

Wer äussert sich zu welchem Kulturerbe?

Hier setzt die Konvention von Faro ein: Sie betont den Prozess der demokratischen Legitimierung. Heritage erscheint als Interaktion, die Pluralität der Sichtweisen wird betont. Das ist eine löbliche Absicht. Doch wie genau soll das passieren? Mit Abstimmungen, mit direktdemokratischen Mechanismen? Solche Wege sind durchaus denkbar, aber die Frage bleibt, welche Gruppe sich zu welchem kulturellen Erbe äussern soll. Es gibt Traditionen, die von wenigen Menschen und kleinsten Gruppen getragen werden, von Bruderschaften, Vereinen oder auch informellen Zusammenschlüssen. Es gibt kulturelles Erbe, das als zu einem Dorf, einer Region oder einem Land zugehörig angesehen wird. Es gibt kulturelles Erbe, das quer zu allen räumlichen Einheiten und politischen Gliederungen steht, etwa die Kultur von Migranten. Wer nimmt in solchen Fällen am Entscheidungsprozess teil? Orientiert man sich an den gängigen politischen Partizipationsmustern, bringt man Minderheiten in eine schwierige Lage, weil ihre Vorstellungen leicht majorisiert werden können. Und man schliesst diejenigen aus, die keine demokratische Legitimation, kein Stimmrecht etwa, haben. Vor allem aber dürfte es schwierig sein, unterschiedliche Vorstellungen und Gewichtungen adäquat zu berücksichtigen. Überstimmt die Mehrheit die Minderheit oder hat eine Minderheit immer Recht, weil man an ihrer Sichtweise ohnehin keine Kritik üben darf?

Ein Blick auf die Entwicklung des kulturellen Erbes zeigt uns, dass dessen Bewahrung in der Regel nicht demokratisch war und dass kulturelles Erbe stets als zentrales Element von Macht gesehen wurde und wird. Das Unspunnenfest (ab 1805) beispielsweise, so etwas wie das Urfest heutigen schweizerischer Traditionen, wurde von Patriziern aus der Stadt erfunden, um das aufgebrachte Land, dem man nach der napoleonischen Ära die politischen Rechte wieder weggenommen hatte, zu beschwichtigen und zu befrieden. Zugleich kurbelte es den Tourismus an, denn mit den Gästen konnte gutes Geld verdient werden. Keine demokratische Partizipation, sondern das Zelebrieren angeblich archaischer Bräuche und der Lebensweise der Bergbewohner stand auf dem Programm. Doch was gefeiert wurde, war zum grossen Teil nicht mehr existent, nicht bekannt oder in seiner Form anders als von den Herren gewünscht. In der Folge setzt daher ein Programm der Erfindung von Traditionen ein, von Alphornkursen über das Verfassen neuer, «gehaltvoller» Volkslieder, dem Erfinden eines landesweiten «Jodelliedes» bis hin zum Aufbau eines Gesamtmythos des freiheitsliebenden Berglers. Traditionen werden häufig hergestellt aus Praxen, die nicht mehr üblich sind und wiederbelebt werden müssen. «Invention of Tradition» wird dieser Vorgang seit dem gleichnamigen Buch von Eric Hobsbawm und Terence Ranger genannt. Er ermöglicht, die Gegenwart in das entsprechende Licht der Geschichte zu tauchen. Allerdings muss diese Konstruktion ihren festen Platz in einem gemeinsamen «kollektiven Gedächtnis » (Maurice Halbwachs) finden, denn die kulturelle Erinnerung ist Voraussetzung für die Bildung einer Gruppenidentität, über sie werden zentrale Werte, Vorstellungen und Weltbilder weitergegeben.

Erfindung der Tradition

Das Unspunnenfest zeigt, was das bedeutet: Die gewaltige Anstrengung der Elite führte nach und nach dazu, dass sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Glaube an dieses kulturelle Erbe in der breiten Bevölkerung festgesetzt hatte. Das Erbe diente einem politischen und gesellschaftlichen Ziel: Der Integration der Landbevölkerung in eine sich rasch industrialisierende und urbanisierende Gesellschaft einerseits, der Integration der katholisch-konservativen ländlichen Regionen und Kantone in das von liberalen Kräften dominierte politische System des neuen Bundesstaates andererseits. Der Erfolg war durchschlagend, die Wirkung spätestens mit der Landi 1939 in ihrer ganzen Wucht erkennbar. Das hier vermittelte kulturelle Erbe, hundert Jahre vorher in den meisten Formen noch gar nicht existent, wurde als nationales anerkannt.

Ein Idealfall im Sinne der Faro-Konvention? Auf der einen Seite kann man dies bejahen, weil damit der gesellschaftliche Konsens erfolgreich gefördert wurde. Auf der anderen Seite muss man dies in Frage stellen, denn auch wenn die Wirkkraft enorm war, so haben nicht demokratische Prozesse unter Einbezug möglichst vieler Beteiligter zu diesem Erfolg geführt, sondern ein Programm machtstruktureller Art durch eine Elite, die erkannt hatte, dass dieses Gefühl der kulturellen Tradition notwendig war, um eine politische Gemeinschaft zu schaffen. Dieser Prozess lässt sich in allen Nationalstaaten beobachten, die in den letzten Jahrhunderten entstanden sind. Dass wesentliche Elemente kultureller Überlieferungen, die nicht in den Rahmen passten, ausgeblendet wurden, ist offensichtlich und lässt sich an vielen Beispielen aufzeigen. Wenn viele Konventionen seit einiger Zeit nun erneut zur Bewahrung des kulturellen Erbes aufrufen, so müssen wir uns fragen, welche Absicht und welche gesellschaftliche Gesamtlage dies heute als notwendig erscheinen lassen. Der Europarat nimmt in seiner Konvention eine gesamteuropäische Perspektive ein, er argumentiert ähnlich, wie im 19. Jahrhundert einzelne Nationalstaaten argumentiert haben, nun aber mit Blick auf die supranationale Einigkeit Europas. Er erwähnt die nationale Bedeutung kulturellen Erbes, damals von zentraler Bedeutung, mit keinem Wort, die Gemeinschaft wirkt hier auf lokaler wie auch auf gesamteuropäischer Ebene. Der Appell orientiert sich an einer neuen Herausforderung, die eines gemeinsamen kulturellen Erbes über alle Staatsgrenzen hinweg, das es angesichts der Bedrohungen der Globalisierung zu erhalten gilt.

Gesellschaftlicher Wandel – neue kulturelle Überlieferungen

Dazu kommt ein Wandel der Gesellschaft, der die ursprünglichen Einteilungen in Gruppen, Ethnien und Völker, denen ein eindeutiger Platz zugewiesen wird, immer schwieriger macht. Die Vielfalt wie die Durchmischung steigern sich durch Mobilität und Migration, durch Mischehen und globale Populärkultur, durch Kommerzialisierung und mediale Durchtränkung. Damit sind wir bei einem Grundproblem angelangt:

Die Kulturerbe-Bestrebungen fördern die Bündelung von kulturellen Überlieferungen zu einem kompakten Erzählstrang. Migration wie auch kulturelle Vielfalt hingegen sind diversifizierend, öffnen das Feld der kulturellen Überlieferungen mit neuen Erzählungen, die einen Konsens erschweren und auch zu widersprüchlichen, bisweilen antagonistischen Traditionssträngen führen. Der Zusammenhalt moderner, pluraler, mobiler Gesellschaften scheint daher gefährdet. Kulturelles Erbe ist deshalb erneut zu einem beherrschenden Thema geworden. In der Tat liegt in dieser Besinnung eine Chance, aber auch eine Gefahr. Eine breite Auseinandersetzung, welches kulturelle Erbe, welche Traditionen und welche Überlieferungen wichtig sind, kann den gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern, sie kann dem Individuum wie der Gruppe die eigene Stellung sichtbar machen, Halt und Orientierung vermitteln. Wenn Konventionen wie diejenige von Faro diese Auseinandersetzung in Offenheit und gegenseitigem Respekt fördern, kann dies in der Tat zur «Erleichterung des friedlichen Nebeneinanders» und «der Vermeidung von Konflikten», wie es in der Konvention heisst, führen.

Doch auch die Gefahren sind nicht von der Hand zu weisen. Diese Auseinandersetzung kann nur gelingen, wenn man den Prozess betont, den kulturelles Erbe immer durchläuft. Kulturelles Erbe gibt es nicht einfach, es wird – wie bereits erwähnt – gemacht, erstritten, konstruiert, es wird angepasst, neu geformt. Wer kulturelles Erbe als Mauer gegen die Brandung der Globalisierung und der Migration benutzt, indem er es als unverrückbar erscheinende Barrikade errichtet, wie wir das in manchen politischen Haltungen erkennen, wird keinen Erfolg haben, weil die Gesellschaften sich in Wirklichkeit wandeln und Traditionen nur den Sinn haben, der ihnen zu einem bestimmten Zeitpunkt zugewiesen wird.

Demokratie und Auseinandersetzung um Kulturerbe bedingen sich gegenseitig

Zudem besteht das Problem der Abgrenzung, die nur noch bedingt möglich ist. Die Nationalstaaten haben im 19. und 20. Jahrhundert eindeutige Grenzziehungen vorgenommen und damit nicht nur gewaltige Kriege und Konflikte mit denjenigen provoziert, die angeblich so anders, fremd und unverträglich waren, sondern auch die Rechte und Traditionen vieler Minderheiten missachtet und häufig zerstört. Heute sind diese Fragen der Abgrenzung noch viel schwieriger geworden. Wir alle sind Bürger eines Staates, lokal verankert, aber auch mobil, leben an Orten, an denen verschiedenste Gruppen leben, sehen uns definiert durch viele Faktoren wie soziale Stellung, Geschlecht, Bildung, sexuelle Vorlieben, kulturelle Praxen und anderes mehr. In jedem dieser Bereiche spielen Traditionen eine Rolle, ich gehöre als Individuum vielen solchen Gruppen an, die auf noch mehr Gruppen stossen, die im gleichen Feld aktiv sind. Wie funktioniert hier Partizipation, demokratische Mitsprache? Überschneidungen, Verzahnungen, Verknüpfungen, unterschiedliche Sichtweisen auf bestimmte Traditionen, auch Konflikte um die Bedeutung sind daher an der Tagesordnung. Man denke etwa an die Auseinandersetzung um die Denkmäler des amerikanischen Bürgerkriegs im Süden der USA. Hier prallen Welten aufeinander, werden gesellschaftliche Positionen ausgehandelt. Es kann nicht darum gehen, in diesem Prozess das kulturelle Erbe künstlich zu harmonisieren oder gar zu homogenisieren. Die einzige sinnvolle Form damit umzugehen ist die Auseinandersetzung. Diese aber muss den Regeln des demokratischen Rechtsstaates folgen. In diesem Sinn bedingen sich demokratischrechtsstaatliche Ordnung und ein sinnvoller Umgang mit kulturellem Erbe. Kulturelles Erbe ist eine Frage der Macht, auch der Definitionsmacht, es darf umkämpft sein, es darf umstritten sein. Nur das führt dazu, dass eine Gesellschaft sich ihrer selbst versichert, dass die vielfältigen Gruppen einen gemeinsamen Bezug schaffen. Solange diese Auseinandersetzung friedlich und demokratisch funktioniert, so lange brauchen wir uns keine Sorgen zu machen. Bestimmen aber einzelne Gruppen in autoritärer Weise über die Art und Weise, wie das kulturelle Erbe zu verstehen und zu interpretieren sei, dann gewinnt dieses zwar vielleicht an Durchsetzungskraft. Zugleich aber fehlt dann die Akzeptanz anderer Sichtweisen, so dass der demokratische Prozess nicht funktioniert.

Der gesellschaftliche Zusammenhalt einer pluralen und demokratischen Gesellschaft wird daher nicht primär durch die gemeinsame Anerkennung eines kulturellen Erbes gefördert, sondern durch die Anerkennung der Form der Auseinandersetzung um das kulturelle Erbe. Der Zusammenhalt ist nicht bedroht, wenn sich die Menschen über die Bedeutung der kulturellen Traditionen streiten, diese neu interpretieren, verwerfen und neu erfi nden. Er ist aber bedroht, wenn die Regeln dieses Streites nicht Regeln der gegenseitigen Achtung, der demokratischen Partizipation und der Gleichstellung der Beteiligten folgen. Dann wird das kulturelle Erbe zum Herrschaftsinstrument – was wir aus unzähligen historischen wie aktuellen Beispielen nur zu gut kennen.

Beitrag NIKE-Bulletin 6 | 2017

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Zigeunerbraten auf Gamperney

An Pfingsten ist auf Gamperney (eine Alp in Grabs) traditionell Zigeunerzeit. So wird jedes Jahr über das Pfingstwochenende Zigeuner um Zigeuner gebraten, was Gross und Klein vom Tal nach Gamperney lockt! Nicht immer bei nur sonnigem Wetter...so wurde im Jahr 1995 berichtet, das Wetter sei so schlecht gewesen, dass einem beinahe das Fleisch vom Spiess gespült wurde.

«Zigeuner» sind dünn geschnittene marinierte Plätzli, die mit Spiessen am offenen Feuer gebraten werden. Mit einer Zwiebelschwitze übergossen schmecken sie, direkt vom Spiess, natürlich am besten.

Vor etwa 20 Jahren fing es im kleinen Rahmen an. Nun ist das Zigeunerbraten auf Gamperney an Pfingsten wie ein kleines Volksfest. In Scharen, im Huckepack oder auch an Stecken kommen sie, um die feinen Plätzli am Spiess zu geniessen.

Das Kulturerbe ist tot. Ausser wir erwecken es zum Leben

Das kulturelle Erbe verbindet uns mit der Vergangenheit. Und es ist Grundlage für eine bewusst gestaltete Zukunft. Aber was wir bewahren und wie wir das tun, müssen wir laufend neu verhandeln.

Je älter wir werden, umso mehr Dinge sammeln sich um uns an. Das ist einerseits ein Glück, andererseits auch ein Verhängnis. Spätzeiten sind Zeiten des Reichtums und der Fülle. Diese Fülle kann zur Bürde werden, das weiss jeder Büchersammler. Dies bekommen aber auch die öffentlichen Institutionen zu spüren, die den Auftrag haben, unser Kulturerbe zu bewahren. Da werden Fragen laut, die geklärt werden müssen. Was ist wichtig, und was ist nichtig? Was ist «nur» von privatem Interesse, was hat Anspruch auf öffentliche Verfügbarkeit, Präsenz und professionelle Betreuung? Es gilt, auszuwählen und zu werten.

«Gebt mir ein Museum, und ich werde es füllen», soll Pablo Picasso gesagt haben. Wenn alle Künstler in ihrer kreativen Kraft mit Picasso vergleichbar wären, dann wäre alles halb so schlimm! Doch wir kennen auch Drittklassiges, das nicht vergehen soll. Ein privater Sammler darf alles zusammentragen, wonach ihn gelüstet, ob Kunst oder Kitsch. Öffentliche Sammlungen und Museen sind durch ihren bildungspolitischen Auftrag an Kriterien der Verantwortlichkeit, Professionalität und der Vermittlung und Verlebendigung des kollektiven Gedächtnisses gebunden.

Nicht alle Schätze von heute sind automatisch auch Schätze von morgen. Seit der historistischen Begeisterung für alles und jedes im späten 19. Jahrhundert sind viele ältere Museen auch zu Verwesern entwerteter Bestände geworden. Verhaltenscodes und Stiftungsurkunden binden ihnen oft die Hände, den einmal erworbenen oder geschenkten «Plunder mit verfallendem Zeitwert» wieder loszuwerden.

Eine Sammlung will nicht schlafen

Die grossen und professionell geführten Museen haben sich in den letzten Jahren wohltuend zu Erlebnis- und Ereignishäusern gewandelt. Die Kunst der Zusammenstellung und der Präsentation von Gesammeltem war wohl noch nie so weit entwickelt wie heute. Darum sind Museen heute geradezu laizistische Tempel für Lernerfahrungen in künstlerischen Dingen. Ein gut geführtes Museum ist eine Impulsinstanz für am Kulturerbe interessierte Menschen.

Eine Sammlung ist nicht in erster Linie dazu da, um einen Raum mit Kunstwerken zu möblieren. Sie soll nichts Statisches, Fixes und Unbewegliches sein, sondern soll eine eigene Dynamik und Spannung entwickeln können. Die Objekte, die sie beherbergt, müssen sich dafür von ihrem zugewiesenen Platz fortbewegen können – und in einer neuen Position eine andere Wirkungskraft finden.

Das lernt man nirgends besser als an den Veränderungen in den Dauerausstellungen eines gut geführten Museums. Sammelstücke wollen nicht schlafen. Sie wollen mit uns reden, vielleicht wollen sie uns sogar in unseren Gewohnheiten stören. Sie fordern unsere Zuneigung. Das wissen Museumskuratoren. Als 1937 für die Pariser Weltausstellung das Palais de Chaillot errichtet wurde, erhielt der Dichter Paul Valéry den Auftrag, für die Giebelseiten Inschriften zu verfassen. Für die eine Seite schlug er vor: «Vom Vorübergehenden hängt es ab, / ob ich Grab bin oder Schatz. / Ob ich spreche oder schweige, / das hängt nur an dir. / Freund, betrete mich nicht ohne eigenes Begehren.» Erst das eigene Begehren macht einen Museumsbesuch zum Ereignis.

Die Schlüssel verbrannter Häuser

Beim Kulturerbe unterscheidet man gern zwischen materiellen und immateriellen Werten. 2013 verabschiedete man die «Convention for the Safeguarding of the Intangible Cultural Heritage» – 153 Staaten haben sie unterzeichnet. Zur neuen Kategorie des kulturellen Erbes zählen wir soziale Bräuche, Folklore, Handwerkstechniken, Heilmethoden, Prozessionen, Jagdtechniken wie die Falknerei und Verhaltensformen, die für bestimmte Regionen typisch sind.

Im 19. Jahrhundert führte der Volkskundler und Kulturhistoriker Alois Riegl die Unterscheidung zwischen «gewollten» und «ungewollten» Denkmälern ein. Es hat nicht alles den gleichen Erinnerungswert. Es gibt «kulturelle Überreste», deren Erhaltenswürdigkeit fraglich geworden ist. Man spricht heute von «Denkmalinflation». Erhalten darf nicht zum reinen Automatismus werden. Was erhalten werden muss, darüber muss manchmal gerungen werden, bis man einvernehmliche Lösungen zwischen Regierungen und Museen findet. Ein Dichter hat einmal davon gesprochen, wir sollten «wenigstens die Schlüssel verbrannter Häuser wahren». Ist eine solche zum reinen Symbolelement heruntergeschraubte Rettung der Vergangenheit befriedigend?

Es gibt Kunstliebhaber, die der Überzeugung sind, es sei letztlich nur das künstlerisch gestaltete Objekt von wirklicher Bedeutung. Die Person, die es geschaffen habe, sei bei genauer Einschätzung des Wesentlichen an der Kunst zu vernachlässigen. Das ist eine achtenswerte, aber auch etwas unmenschliche Beurteilung von Kunst. Doch da strenge Massstäbe nicht das schlechteste Kriterium für künstlerisches Ringen sind, wollen wir diese puristische Auffassung von Kunst nicht als Unsinn abtun.

Der Bauschutt der Zeit

Freilich würde dies bedeuten, dass wir etwa von Autorinnen und Autoren nur das aus «letzter Hand» Stammende, definitiv Veröffentlichte und in Umlauf Gesetzte als wesentlich ansehen dürften. Es gibt ja Künstler, die in einer Art Reinigungsfeuer alle Spuren der Entstehung ihrer Werke vernichten. Biografisches soll getilgt oder zumindest unkenntlich gemacht werden. Ebenso die Wegstrecken, die von Entwürfen, Skizzen und Erstfassungen zu späteren Stadien der Ausarbeitung, zu Varianten und Alternativen geführt haben. Das noch Unausgegorene, das Fallengelassene, ja Verstossene und Verworfene soll gar nicht erst in Erscheinung treten. Es hat die zur Veröffentlichung freigegebene definitive Version zu gelten. Alles andere ist Bauschutt, der am Ende weggeräumt werden soll.

Nun liebt aber die Mehrzahl der Menschen die Kunst am meisten, die an der Leitspur eines Lebensschicksals lesbar und deutbar wird. Wir wollen Kunstwerke nicht in einer Monstranz auf dem Hochaltar unserer Verehrung bewundern und bestaunen. Wir ziehen es vor, zu erleben, wie aus Not und Verzweiflung, aus Betriebsamkeit, aus Spiel- und Trödellust oder aus rebellischem Aufbegehren etwas entsteht, das uns so trifft, wie nur Kunst es vermag.

Jedes grosse Kunstwerk birgt Geheimnisse. Mit Klärungen der biografischen Art und mit Einblicken in den Entstehungsprozess eines Werkes glauben wir diese Geheimnisse besser ausleuchten zu können. Darum brauchen wir Materialien, die Hinweise enthalten und plausible Deutungen erlauben. Manchmal wollen wir sogar mehr. Uns gelüstet es, den Kreativitätsprozess zu begreifen, der zu einem Kunstwerk führt. Etwas, das im Ruch des Genialen steht, wollen wir dingfest machen mit Tatsachen, die wir den Lebensdokumenten einer Autorin oder eines Autors entnehmen. Wir möchten gleichsam die Kleider und die Requisiten sichern, die der Geist getragen hatte, bevor dieser sich schwer auffindbar ins Kunstwerk verflüchtigte.

Besser verstehen

Das führt dazu, dass wir so akribisch wie weitherzig alles zusammentragen und sorgsam verwahren, was die Chance eines besseren Verständnisses von Kunst verspricht. Wenn wir Manuskripte, Briefe, Tagebücher und Arbeitsnotizen einer bedeutenden Persönlichkeit der Schriftkultur sammeln, dann nicht, um diesen Konvoluten und Kisten den Status von Reliquien zuzusprechen. Wir tun es in der Hoffnung, Winke und Hinweise zu erhalten, um etwas, das uns viel bedeutet, besser zu verstehen.

In Archiven befällt mich immer die utopische Hoffnung, es könne der Augenblick einmal kommen, in welchem die Erkenntnis sich einstellt, wie eins mit dem anderen und alles mit dem Ganzen zusammenhängt. Doch bereits ein gesundes am Diesseits orientiertes Gefühl für geschichtliche Klärungen reicht aus, um die Notwendigkeit von Archiven zu begreifen. Wo Bewunderung für das Werk einer bestimmten Person dazukommt, setzt sich ohnehin die Überzeugung durch, es müsse möglichst alles gesammelt und gehütet werden, was relevant sein könnte für das Verständnis so ungewöhnlicher Lebensleistungen.

Ein Archiv zur Sicherung literarischer Quellen braucht so wenig wie ein Staatsarchiv oder ein Gemeindearchiv besondere Rechtfertigungen. Wer nicht das Risiko eingehen will, im geschichts- und gedächtnislosen Raum zu enden, trägt Sorge zu den historischen Quellen und sammelt die Dinge, die späteren Generationen die Augen neu öffnen.

Was sich in vielen Archiven der vergangenen Jahre getan hat, ist geradezu mirakulös. Mit vergleichsweise bescheidenen Mitteln wird erfolgreich versucht, das Prinzip der Nachhaltigkeit in künstlerischen Dingen zu praktizieren. Gesammelt hat man literarische Dokumente schon früher und gottlob vielerorts. Nun aber wurden gerade durch staatliche Archive, in der Schweiz etwa durch die Archive der ETH, das Schweizerische Literaturarchiv und viele Kantonsarchive, Standards gesetzt, die im In- und Ausland Ansehen geniessen.

Anerkennung für das Sperrige

Neben der Sicherung der Quellen ist das Entscheidende immer auch das Impulsprogramm, das von den Schatzkammern der Vergangenheit ausgeht. Die Verantwortlichen müssen es verstehen, Nachlässe und Sammlungen nicht tief in den Kellern ihrem Schlaf zu überlassen, sondern die verborgenen Quellen für die Gegenwart zum Sprudeln zu bringen. Dass Archive eine verhängnisvolle Beziehung zum Staub haben, sieht man bis heute in vielen Gemeindearchiven. Dissidenten Geistern, Abweichlern, rebellischen Nein-Sagern und schwierigen Zeitgenossen gegenüber hat der Staat oft eine feindliche Gesinnung an den Tag gelegt.

In mancher Beziehung war eine späte Wiedergutmachung an jenen fällig, deren Gütesiegel als Individuen wie als Staatsbürger man zu Lebzeiten noch nicht erkannt hatte. Anerkennung für das Sperrige, Skurrile, Schrullige, das sich häufig mit künstlerischer Kraft und Begabung paart, muss heute mit Professionalität im Konservatorischen einhergehen. Man kann den für Archive Verantwortlichen nur wünschen, dass sie auch künftig stark für Visionen bleiben, mutig in der Auswahl und Aufnahme neuer Dokumente und offen für alle, die in der Berührung mit den Quellen der Vergangenheit etwas vom frischen Wehen des Weltgeistes spüren.

Wir brauchen auch in Zukunft lebendige Sammlungen, Museen, Bibliotheken und Archive. Unser Kulturerbe ist gross und reich. Wirksam ist es aber nur, wo es aufbereitet wird und immer wieder neu entdeckt werden kann. Dort also, wo es intelligent in die Konfrontation mit der Gegenwart eingebracht, ja «eingeschleust» wird. Manchmal scheint es, als käme die Gegenwart gut ohne ihr geschichtlich-kulturelles Erbe aus. Aber wer glaubt, auf das Kulturerbe seiner Umwelt verzichten zu können, wird sich mit einer lauten, manchmal vorlauten, ganz gewiss aber auch mageren und erfahrungsarmen Gegenwart abfinden müssen – mit einer Gegenwart zudem, die sich selber masslos überschätzt.

Beitrag NZZ vom 29.07.2018

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Die Taube im Teller

Wer kennt sie nicht, die typischen Leckereien aus dem Appenzellerland: Alpenbitter, Siedwurst oder Biberfladen. Sie sind längst im kulinarischen Erbe der Schweiz aufgeführt. Aber wer weiss schon, dass Herisau lange Zeit ein Zentrum für die die Koch- und hauswirtschaftliche Ausbildung war? Eine Ausstellung im Museum Herisau beleuchtet diese erstaunliche Tatsache anhand von Kochbüchern, Rezepten, Fotografien, Schulküchen und historischem Kochgeschirr.

Im 19. Jahrhundert war in der Ostschweiz ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung in Fabriken tätig. Neben den bis zu 14 Stunden Erwerbsarbeit blieb häufig keine Zeit zu kochen. Also beschränkte man sich auf den schnell zubereiteten Milchkaffee mit Brot. Es erstaunt darum nicht, dass die Appenzeller zur Hälfte aufgrund von Mangelernährung für dienstuntauglich erklärt wurden. Verschiedene Ausserrhoder Vereine bemühten sich in der Folge, die Volksgesundheit und das Wissen um die richtige Zubereitung von Mahlzeiten zu heben. Dazu wurden Haushaltskurse auf die Beine gestellt und Kochbücher verfasst: Das erste einer ganzen Serie aus Herisau war der Ratgeber «Das fleissige Hausmütterchen» von 1860. Ein Klassiker ist auch das Heinrichsbader Kochbuch.

Es erschien in unglaublichen 20 Auflagen und vermittelte einen Überblick über die bürgerliche Küche. Die Autorin Louise Büchi führt zudem Kochkurse für junge Frauen durch. Denn wenn die Männer gesundheitlich schlecht abschneiden, setzt man offensichtlich zuerst bei den Frauen an. Das «Buch der einfachen Hausfrau» von Heinrich und Anna Volkart-Schlatter erlebt ab 1898 ebenfalls mehrere Auflagen. Es richtete sich ausschliesslich an die ärmeren Bevölkerungsschichten, denen pro Mahlzeit nicht selten nur 30-40 Rappen zu Verfügung standen. Nebst Hahnenkämmen und Kalbsohren kamen darum auch Tauben auf den Teller, noch häufiger aber gar kein Fleisch. Die Ausstellung zeigt, dass das heute trendige Nose-to-tail-Prinzip, die Verwertung des ganzen Tieres, früher eine Selbstverständlichkeit war.

Ausstellung

«Fleissige Hausmütterchen und das Heinrichsbader Kochbuch», 14. Juni bis 30. Dezember 2018, Museum Herisau, Platz, Herisau, Tel. 079 377 3443

Öffnungszeiten: Mi–So 13–17 Uhr; für Gruppen nach Absprache

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Neues Kulturerbegesetz des Kantons St.Gallen

Das am 1. Januar 2018 in Kraft getretene Kulturerbegesetz (KEG) regelt die Bewahrung und Überlieferung von beweglichem und unbeweglichem sowie immateriellem Kulturerbe.

Unter anderem werden die Tätigkeiten des Kantons in der Denkmalpflege und Archäologie und die Aufgabenteilung mit den Gemeinden bei den Denkmalpflegebeiträgen geregelt. Neu wird zudem für bewegliche Kulturgüter (Kunstgegenstände, historische Dokumente usw.), die Kulturerbe des Kantons sind, und für archäologische Fundstellen und Funde ein besserer Schutz eingeführt. Eigentümer von beweglichem Kulturerbe können freiwillig beim Kanton eine Unterschutzstellung mit anschliessendem Eintrag ins Kulturerbeverzeichnis beantragen. Als Gegenleistung kommen sie in den Genuss eines besseren rechtlichen Schutzes und können Kantonsbeiträge für Erhaltungs- und Pflegemassnahmen beantragen.

Das Kulturerbegesetz kann hier eingesehen werden.

Bierflaschenmuseum St. Gallen

St. Gallen hat ein Museum, wie es keine andere Stadt in der Schweiz kennt: Das Bierflaschenmuseum der Brauerei Schützengarten. Über 2000 Bierflaschen gibt es hier zu bestaunen.

Eine Flasche mit Bügelverschluss ist eine praktische Sache: Man kann darin Öl, Fleckenwasser, selbst gebrannten Schnaps oder Spiritus dicht verschlossen aufbewahren. Deshalb erstaunt es kaum, dass um 1900 nur wenige Bügel-Bierflaschen den Weg zurück in die Brauereien gefunden haben. Da half auch der Hinweis «Unverkäufliches Eigentum der Brauerei» auf der Flasche wenig. Also wurde 1907 ein Flaschenpfand von 10 Rappen eingeführt. Vergebens. Erst die Erhöhung auf 30 Rappen brachte den gewünschten Erfolg.

Dabei wurde der Bügel- oder Patentverschluss ursprünglich zum Verschliessen von Flaschen entwickelt, in denen die Flüssigkeit etwa durch Kohlensäure unter Druck steht. Eine bahnbrechende Erfindung für den Biertransport also, denn im Gegensatz zu den bis dahin gebräuchlichen Korken oder Hartgummizapfen konnte die herausdrängende Kohlensäure dank diesem neuartigen Verschluss sicher und effektiv in der Flasche behalten werden.

Die Flasche vom Sittertobel

Wer sich für Fakten, Zahlen und Geschichten rund um die Bierflasche interessiert, ist im kleinen, aber feinen Bierflaschenmuseum der Brauerei Schützengarten in St. Gallen genau richtig. In der schweizweit einzigen Ausstellung dieser Art stehen rund 2000 Bierflaschen dicht an dicht, alle fein säuberlich nach Ortschaften sortiert und effektvoll beleuchtet.

Zu verdanken ist dieses Stück Schweizer Brauereigeschichte dem leidenschaftlichen Sammler Christian Bischof aus Wittenbach. «Als Bub habe ich im Sittertobel eine alte Bierflasche gefunden – und damit hat alles begonnen», erzählt er. Es war eine Flasche der ehemaligen St. Galler Brauerei Hock. Sie trägt die Jahreszahl 1913 und ist für Christian Bischof, der auch noch andere Bierartikel wie Schilder, Bierdeckel oder Krüge sammelt, nach wie vor das wertvollste Stück seiner Sammlung. Woher aber kommen all die vielen anderen Exponate? Die Tonflasche aus dem Jahr 1860 der Brauerei Schönenwegen, die mundgeblasenen Glasflaschen mit eingeätzten Schriftzügen, die mächtigen 2-Liter-Bierkrüge aus Hausbrauereien? «Als Kind hatte ich natürlich kein Geld, um Flaschen zu kaufen, da wurde ich vor allem im Altglas fündig, das man früher zur Entsorgung einfach an die Strasse gestellt hat», sagt der gebürtige St. Galler. Später fuhr er dann mit dem Töffli auf Flohmärkte, und natürlich kennt man sich mit der Zeit unter Sammlern und pflegt Kontakt und Austausch.

Brauereien boomen

Rund 260 Brauereien sind im St. Galler Bierflaschenmuseum vertreten, die es inzwischen grösstenteils gar nicht mehr gibt. Seit einiger Zeit geht es aber vor allem mit lokalen und regionalen Bieren wieder aufwärts. «Und die sollte man unbedingt probieren», sagt Bierliebhaber Christian Bischof. «Gerade Kleinbrauereien machen ganz hervorragende Biere.» Ein solches bekommt man beispielsweise im Restaurant National zum Goldenen Leuen – im «Naz», wie man hier sagt – an der Schmiedgasse mitten in der hübschen, grösstenteils autofreien Altstadt. Grund genug für einen kleinen Bummel durchs historische St. Gallen. Wenige Schritte vom Museum entfernt führt die schmale Goliathgasse Richtung Marktplatz, wo Wochen-, Frühlings-, Herbst- und Bauernmärkte stattfinden – und natürlich der Weihnachtsmarkt. Von der Marktgasse zweigt rechts die Multergasse ab. Sie gilt als wichtigste Einkaufsstrasse mit einigen sehr eindrucksvollen Jugendstilbauten. Parallel dazu verläuft die Schmiedgasse. Hier steht das wohl schönste Altstadthaus, das «Haus zum Pelikan» mit seinem prachtvollen Erker. Bald schon erreicht man das «Naz», das traditionsreichste der St. Galler Bierlokale. In der gemütlichen Gaststube wird die Bierkultur, die seit dem 9. Jahrhundert in St. Gallen heimisch ist, gepflegt – und die Chäschüechli, die dazu serviert werden, sollen weitherum die besten sein, wie es heisst.

Beitrag Schweizer Familie. Mehr Informationen zum Bierflaschenmuseum finden Sie hier.

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«Bankgeheimnisse»

Bänkli sind eine jahrhundertealte Tradition der Gastfreundschaft. Sie sind Teil der Schweizer Alltagskultur: als Orte des Begegnens, des Innehaltens und der Kontemplation von Landschaft, Natur und Architektur. Der Verein Bankkultur hat sich zum Ziel gesetzt, die Kultur der Bänkli zu dokumentieren und das Bewusstsein in der Bevölkerung um deren Bedeutung zu stärken.

Im Rahmen des Kulturerbejahres 2018 organisiert der Verein in diesem Sinne eine Challenge für die Schweiz: Welche Kantone schaffen es, 1000 Bankgeheimnisse zu dokumentieren?

Nehmen auch Sie an der Challenge teil und unterstützen Sie unsere Kantone:

- Fotografieren Sie Bänkli und deren Aussicht/Umgebung (am besten mit aktiviertem GPS).

- Laden Sie digitale Fotos auf die Bänkli-Plattform hoch, verorten Sie das Bänkli auf der Karte und beantworten Sie bitte die 5 kurzen Fragen.

- Wenn das Bänkli auf der Karte bereits eingetragen ist, dann können Sie Ihre Fotos und Geschichten in dessen virtuellem Bänkli-Buch hinzufügen.

- Nach jedem Bänkli-Tag wird ein neu hinzugefügter «Bankplatz» ausgewählt und als «Bänkli der Woche» in den Medien des Vereins Bankkultur publiziert. Weitere Bewerbe werden im Laufe des Jahres organisiert und unter allen Beiträgen wird am Ende des Jahres ein Preis verlost.

Kennen Sie die Bankgeheimisse unserer Kantone? Die Bänkli-Landkarte gibt Ihnen eine Übersicht über die schönsten Plätze in der Natur!


Zitat zum Bild:

«Der Weg durch das romantische Mültobel wurde von fleissigen Leuten instandgestellt und dabei dieses Bänkli neu aufgestellt.»

(Annelies Burchia, Altstätten)

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Torfstecherei und Moorregeneration im Hudelmoos

Das Naturschutzgebiet «Hudelmoos» auf der Kantonsgrenze zum Kanton St. Gallen zwischen Amriswil und Bischofszell ist ein Hotspot der Biodiversität und ein beliebtes Naherholungsgebiet. Es beherbergt seltene Tiere und Pflanzen und geniesst den Status als Hoch- und Flachmoor sowie Amphibienlaichgebiet von nationaler Bedeutung. Nun soll seine Torfabbaugeschichte bekannt gemacht und die eingeleiteten Renaturierungsmassnahmen fortgesetzt werden.

Bis circa 1950 wurde im Hudelmoos – insbesondere zu Krisenzeiten – Torf abgebaut. Dieser wurde zum Heizen der Wohnhäuser – vor allem während den Kriegsjahren – verwendet, da Torf einen etwa doppelt so hohen Brennwert wie Holz hat und keine Flammen bildet. Dadurch wurde jedoch der grösste Teils des Hochmoores zerstört. Um diese Vergangenheit des Hudelmooses bekannter zu machen, hat das kantonale Amt für Raumentwicklung des Kantons Thurgau eine entsprechende Broschüre zusammengestellt. Sie gibt Auskunft darüber, wer zur damaligen Zeit befugt war, Torf abzubauen und wie die Arbeit von Statten ging.

Da während über 200 Jahren im Hudelmoos Torf abgebaut wurde, hat sich das Gebiet nachhaltig verändert. Während die Torfschicht vor dem Abbau sechs Meter dick war, beträgt sie heute noch maximal 1,5 Meter. In vielen Teilen des Gebiets wurde gar bis auf den wasserstauenden Untergrund abgebaut. Die Torfbildung dauert sehr lange – für einen Meter festen Torf braucht es rund 1000 Jahre. Um das, was vom Hudelmoos noch übriggeblieben ist, so gut es geht zu schützen und zu erhalten, setzt der Kanton Thurgau seine langjährigen Aufwertungsmassnahmen fort: So wird etwa der Wasserstand angehoben, um eine weitere Verlandung und Austrocknung zu verhindern. Ausserdem werden periodisch herangewachsene Büsche entfernt und Fichtenbestände durch Föhren-Birken-Bruchwälder ersetzt. Um auch auf diese Renaturierungsmassnahmen aufmerksam zu machen, hat das Amt für Raumentwicklung eine zweite Broschüre zusammengestellt. Vor Ort informieren zudem vier neue Tafeln über die Geschichte des Torfabbaus und die Renaturierungsarbeiten. Die beiden neuen Broschüren können beim Bitte Javascript aktivieren! kostenlos bezogen werden. Sie werden zudem in Gaststätten der Region und auf den Gemeindeverwaltungen von Zihlschlacht-Sitterdorf, Amriswil und Muolen aufliegen.

Hudelmoos seit gut 40 Jahren unter Schutz

Das Hudelmoos wurde in den 70er Jahren unter Schutz gestellt. Seither erholt sich das weitgehend abgebaute Hochmoor wieder langsam. Seit 2000 bemüht sich der Kanton Thurgau aktiv um eine Regeneration des Hochmoors. Auf den weniger feuchten Flächen haben sich Riedwiesen gebildet. Trotzdem zeigen sich im Hudelmoos in der neueren Zeit starke Tendenzen zu Verlandung, Austrocknung, zu eher nährstoffreichen Grosseggenriedern, zu Verbuschungen und zu Verschilfung. Die Gründe dafür sind der gestörte Wasserhaushalt und die Zufuhr von Nährstoffen über die Zuflüsse und die Luft.

Mehr Spannendes zur Torfstecherei finden Sie hier

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Die «andere» Schweizer Volksmusik

Kennen Sie die Schweizer Volksmusik, die vor dem Jahre 1800 gespielt wurde? Sie hat wenig mit dem heute allseits gespielten «Ländler» zu tun. Durch sorgsame Pflege und Dokumentation rettet Urs Klauser die alten Stücke und Instrumente, deren Klänge und Melodien in die Zukunft. Er hat sich einer Leidenschaft verschrieben – und lässt dabei dieses wertvolle kulturelle Erbe in unserem kollektiven Gedächtnis weiterleben. Interview: Jasmin Weber

Lieber Urs, du bewahrst kulturelles Erbe in zweierlei Hinsicht. Zum einen beherrschst du das traditionelle Handwerk des Instrumentenbaus, zum anderen lässt du die alte Volksmusik durch die Aufführung weiterleben. War dir deine Rolle als Bewahrer von Kulturgut schon immer bewusst?

Nicht wirklich. Als ich in den 1970er-­Jahren zusammen mit Beat Wolf, einem Instrumentenmacher aus Schaffhausen, die Forschungsarbeiten zur alten Schweizer Volksmusik aufnahm, rekonstruierten und spielten wir zugleich die alten Instrumente. Unsere praktische Vorgehensweise wurde von Musikwissenschaftlern und Volksmusikanten meist belächelt oder gar abgelehnt. Wir aber waren von unseren Ideen und Forschungen überzeugt und fuhren unbeirrt fort. Wir wollten das tun, was wir liebten, und den Menschen die «andere», unbekannte Seite der Schweizer Volksmusik aufzeigen. Inzwischen werden wir oft als «Pioniere der alten Volksmusik» gewürdigt, und unsere Arbeit dient anderen Musikern als Inspirationsquelle für eigene Interpretationen. Kulturgut zu bewahren war wohl meine Absicht, ohne dass mir dies jedoch bewusst war.

Wie muss man sich Volksmusik um 1800 in der Ostschweiz vorstellen?

Die Volksmusik war ständig den Einflüssen anderer Regionen und Moden ausgesetzt. Sie wanderte, nahm fremde Melodien auf oder wurde aufgrund von Werteveränderungen manchmal ganz ausgetauscht. Wie in anderen Teilen der heutigen Schweiz waren die Musikbesetzungen kleiner, die Tänze einfacher und meist nur zweiteilig. Es wurde viel improvisiert und variiert. Neben den noch heute bekannten Saitenin­strumenten waren auch Holzblasin­strumente, zum Beispiel die Schalmei, Flöten oder die Sackpfeife, in unserer Region verbreitet.

Woher kommt deine Leidenschaft für die alte Schweizer Volksmusik?

Gross geworden in einer kunstliebenden Familie faszinierte mich die Volksmusik schon als kleiner Bub. Das Schlüsselereignis spielte sich im Jahr 1976 ab, als ich einen Dudelsackbau-Kurs in der Oberpfalz (D) besuchte. Von da an liess mich die Geschichte des Dudelsackes nicht mehr los. Ich war davon überzeugt, dass, wenn so nahe an unserer Region Dudelsäcke existiert hatten, diese auch bei uns in der Volksmusik eine Rolle gespielt haben mussten. So begann meine jahrelange, passionierte Forschungsarbeit. Der Kursleiter Tibor Ehlers wurde zu meinem «Lehrmeister» und brachte mir nicht nur das Drechseln und das Herstellen von Rohrblättern, sondern auch das Spielen auf der Sackpfeife bei.

Seither baust du nicht nur die einstigen Instrumente nach, sondern widmest dich auch der Erforschung und Aufführung alter Volksmusik?

Richtig. Die Rekonstruktion alter In­strumente war anfänglich natürlich wichtig, um überhaupt musizieren zu können. Nur wenige Originalinstrumente blieben erhalten. Von der Sackpfeife existierte sogar kein einziges Exemplar mehr. Durch aufwendige Forschungsarbeit konnten wir viele der raren Quellen alter Volksmusik aufspüren. Dazu gehören zum Beispiel ein Appenzeller Kuhreihen oder Tänze aus den Lautentabulaturen des 16. Jahrhunderts. Rar sind sie, weil damals nur gebildete Menschen Noten schreiben konnten. Liedtexte waren unter anderem mit sogenannten «fliegenden Blättern», die an Jahrmärkten verteilt wurden, dokumentiert. So erwecken wir die alte Volksmusik zu neuem Leben und ergänzen sie sorgfältig mit modernen Texten und Melodien.

Wie kann das Erhaltene den Sprung ins kollektive Gedächtnis schaffen?

Eine wichtige Rolle spielt beispielsweise das Roothuus Gonten, das Zentrum für Appenzeller und Toggenburger Volksmusik. Es leistet Archivierungsarbeit, ist zentral organisiert und öffentlich zugänglich. Kurse und Veröffentlichungen sorgen dafür, dass sich das Archivierte entfalten und entwickeln kann. Es wäre schön und wichtig, wenn dieses andere Bild der Schweizer Volksmusik von den Medien einer breiten Bevölkerungsschicht vermittelt und neben dem volksmusikalischen Mainstream-Programm hie und da auch Überraschendes und Kurioses auftauchen würde.

Warum ist es wichtig, dass die alte Schweizer Volksmusik bewahrt und gepflegt wird?

Mit altem Kulturgut muss behutsam umgegangen werden – es soll wertgeschätzt werden. Daraus entsteht die wichtige Erkenntnis, dass Kulturgüter nur überleben, wenn sie sich mit der Zeit wandeln können. Es geht um ein Nebeneinander von Alt und Neu, wie es Gustav Mahler treffend formulierte: «Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.» Es ist doch erstaunlich zu sehen, wie archaische Instrumente perfekt mit sehr modernen Instrumenten harmonieren.

Mehr Informationen:

www.tritonus.ch.

Lauschen Sie den Klängen alter Volksmusik, gespielt von Urs Klauser und weiteren Musikerinnen und Musikern am Freilichtspiel «Ueli Bräker – der Arme Mann im Tockenburg». Aufführungen finden statt bis zum 12. August 2018 in Dreyschlatt bei Wattwil, www.buehnethurtal.ch.

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Senntumsschnitzerei

Das Appenzeller und Toggenburger Handwerk steht seit diesem Sommer auf der Liste der lebendigen Traditionen in der Schweiz!

Die Senntumsschnitzerei, auch Chüeli-Schnitzerei genannt, hat sich im 20. Jahrhundert entwickelt. Anfänglich besteht sie fast nur aus Alpfahrten mit Geissbub, Ziegen, Geissmädchen, Sennen, Kühen, Bauer, Bläss und Lediwagen. Später kommen weitere Motive aus Brauchtum und bäuerlichem Alltag wie Silvesterchläuse, Blochfahrt, Streichmusik, Tanzgruppen, Holzen oder Käsen hinzu.

Das Schnitzen, das bei den Bauern als winterlicher Zeitvertreib zum Fertigen von Spielzeug für Kinder oder von Szenen auf den Chlausenhauben beginnt, wird bei vielen zum lukrativen Nebengeschäft. Die Schnitzereien sind beliebte Sammelstücke.

Die Form der Figur wird vorgesägt. Geschnitzt wird mit einem Messer, welches oft selbst, den eigenen Bedürfnissen entsprechend, angefertigt wird. Meist hilft die Partnerin beim Bemalen der durchschnittlich bis zu 15 Zentimeter grossen Figuren oder übernimmt diese Tätigkeit ganz. Der ausgeprägte persönliche Stil der Schnitzer unterscheidet sich stark von der im Handel erhältlichen Figuren zu Appenzeller Themen der Brienzer Holzschnitzerei. Diese sind maschinell in Serie gefertigt und nicht mit den einzeln, in Handarbeit entstandenen Senntumsfiguren vergleichbar.

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Von der Trinkhalle zum Kursaal

Der Kursaal Heiden: Einst Ausschankstelle für Molke, dann Kultur- und Feststätte Die Geschichte des Kursaals in Heiden ist geprägt von mehreren kurzlebigen Phasen des Hochglanzes. 1957 erregte der Neubau als «die Attraktion der Ostschweiz» Aufmerksamkeit.

Mitte des 19. Jahrhunderts wurde in Heiden der Bau einer Kur- oder Trinkhalle diskutiert. Darin sollte den Kurgästen jeden Morgen die Molke ausgeschenkt werden. Im November 1870 beschloss die neu gegründete Kuraktiengesellschaft, auf dem Grundstück zwischen der unteren und oberen St. Gallerstrasse die Halle zu bauen. Architekt Horace Eduard Davinet, der schon den Kursaal in Interlaken gebaut hatte, übernahm die Planung. Rund 50 000 Franken kostete das Gebäude, was weit über dem eigentlich eingeplanten Budget lag.

Von Anfang an wurde eine Kurmusik engagiert, und zeitweise wurden Kapellen mit bis zu zwölf Musikern verpflichtet. Doch lange hielt der Glanz der Trinkhalle nicht an. Zwölf Jahre nach der Eröffnung waren bereits Reparaturen nötig, doch fehlte das Geld. Von einer Aufstockung des Gebäudes konnte nur geträumt werden, vielmehr wurden nur die nötigsten Anstrengungen vorgenommen.

In den 20er-Jahren des 20. Jahrhunderts wurde wieder ein Umbau nötig. Der St. Galler Architekt Ernst Hänny schlug einen totalen Umbau für 75 000 Franken vor. In Anbetracht des hohen Betrags entschloss die Kurgesellschaft, den Umbau in drei Etappen durchzuführen. So entstand 1938 bei der ersten Etappe im südlichen Drittel ein Betonanbau, der so gar nicht zum ursprünglichen Teil passte. Der Zweite Weltkrieg verhinderte weitere Bauetappen.

Doch zerfiel die alte Trinkhalle immer mehr. Man machte sich also auf die Sponsorensuche für den Neubau. Nachdem genügend Eigenkapital vorhanden war, bewilligte die St. Gallische Kantonalbank den Baukredit, nachdem von der kantonseigenen Bank ein negativer Bericht eingetroffen war. Nach zehnmonatiger Bauzeit konnte der neue Kursaal von Otto Glaus, damals «die Attraktion der Ostschweiz», am 27. Juni 1957 eröffnet werden, gekostet hat er 750 000 Franken. Die alte Trinkhalle im maurischen Stil wurde ein Jahr zuvor abgebrochen. Aus der Dorfchronik

Beitrag Tagblatt vom 14.10.2010

Die Widnauer Mundart erhalten

Die Widnauer Mundart gehört zu den Niederalemannischen Dialekten und ist bestimmt schweizweit eine der markantesten. An ihr kann man eine Person schon an wenigen gesprochenen Sätzen eindeutig der Dorfschaft Widnau zuordnen. Der in Widnau und Diepoldsau aufgewachsene Herbert Markovits sammelt zu den Rheintaler Dörfern seit mehr als 30 Jahren Mundartwörter. Dank diesem Hobby entstanden zwischenzeitlich umfangreiche Listen, so auch über Widnau.

Viele Begriffe, die noch heute im Tal verwendet werden, stammen aus der Zeit französischer Soldaten. Denken wir nur an «Buwärli» (pois verts – grüne Erbsen), «baräntig» (pareille – genau gleich), «Gufara» (coffre – Truhe mit Deckel), «tuschur» (toujours – fortwährend, immer), «Plagöri» (Blagueur – Witzbold) und so fort. Andere Begriffe sind vom Aussterben bedroht oder bereits in Vergessenheit geraten, wie beispielsweise «Weadargeenta» (Muskelkater), «Rüdigüül» (Pausensack), «Schnudarlumpa» (Taschentuch), «Fisimattänta» (Umstände) oder «Seampari» (Langsamer).

Mundart im Wandel

Einst bewahrten naturgemäss alle ihre Mundart in der Urform. Dafür verantwortlich war die Tatsache, dass man wenig mobil war, im Dorf lebte, arbeitete und seine Freizeit im Familien- oder Kollegenkreis verbrachte. «Man blieb unter sich. Heiratete ein Widnauer nach auswärts oder wählte er eine Partnerin aus einem Nachbardorf, kam er noch viele Jahre in einen echten Erklärungsnotstand», so Herbert Markovits. Wie andernorts erfährt die Mundart auch in Widnau einen permanenten Wandel. Dies geschieht in kleinen Schritten, beinahe unbemerkt, aber stetig. Durch die uneingeschränkte Mobilität hat man viel einfacher Kontakt zu benachbarten Mundarten. In Gesprächen passen sich gar manche an und ersetzen originale, eher schwer zu verstehende Mundartwörter durch standartsprachlich «gemässigte» Begriffe. Man wählt Wörter, welche in der Lautung angepasst sind oder in einer anderen schweizerdeutschen Mundart verbreitet sind. Dadurch kommen viele Wörter ausser Gebrauch und geraten in Vergessenheit. Jede Mundart wird sich in rascherem Tempo mit jenen der näheren und weiteren Region vermischen. Konnte man früher von Dorf zu Dorf klare Unterschiede ausmachen, wird sich langfristig eine sanfte Vermischung der dorfeigenen Mundarten ergeben.

Wie jede andere Mundart stellt auch die Widnauer ein bedeutendes Kulturgut dar. Deshalb leisten all jene Personen, welche die Widnauer Mundart weiterhin tagtäglich aktiv und mit Stolz gebrauchen, einen bedeutenden Beitrag zum Erhalt ihres wertvollen Kulturgutes.

Beitrag Rheintaler Bote vom 20.09.2017 / Beitrag Tagblatt 23.03.2007

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Die Geschichte des Toggenburger Mandelfisch

Die älteste, schriftliche Erwähnung eines Ostschweizer Mandelfischs ist im Idiotikon aus dem Jahr 1881 zu finden. Dort ist zu lesen, dass der Mandelfisch in St. Gallen ein hochzeitliches Gebäck sei, das mit Hilfe eines Sturzmodells geformt wird. In Schwyz, Zug und Zofingen war er gleichzeitig als Weihnachtsgebäck bekannt.

Gebäcke in Fischform sind keine Seltenheit. Der Aargauer Gebäckforscher Rochholz erklärt deren Vorkommen mit der Verleihung der Fischrechte im Mittelalter. In seinem Text aus dem Jahr 1861 nennt er als Verbreitungsgebiet dieser Fischgebäcke das «Zürcher-, Glarner- und Schwyzerland». Der Mandelfisch als solches wird in diesen mittelalterlichen Quellen jedoch nicht erwähnt. Anhand der Handschriften des Klosterarchivs von Muri im Kanton Aargau beschreibt er «Grundbesitz, Landbau, Haushalt u. Gesindeordnung von 1027 bis 1596»: Dort waren die Fischenzen, also die Verleihung von Fischereirechten, eine bedeutende Einnahmequelle. Unter den Neujahrssteuern wird die Abgabe von Fischen regelmässig aufgeführt.

Mit der Zeit, Rochholz führt keine Jahreszahl an, gab man anstelle der Tiere einen «Brodfisch». Offenbar wurde es insbesondere in der Zeit von Nikolaus bis Weihnachten üblich, Fische in Gebäckform als Abgabe an das Kloster oder als Geschenk abzugeben. So schenkte etwas die Äbtissin des Klosters Hermetswil dem Abt des Klosters Muri und dem Landvogt in Baden einen Fisch aus Lebkuchen. Ein gefüllter Lebkuchenfisch erwähnt auch Pater Odilo Ringholz in seiner Publikation über den Einsiedler Schafbock. Dort ist eine Krämerordnung aus dem Jahr 1663 erwähnt, die den «Schäfli-Leuten» – den Leuten, welche die «Einsiedler Böcke» verkauften – verbot Lebkuchen, darunter zählten damals auch «gefüllte Fisch, Schlangen und kleine Krapfen» zu verkaufen.

Wie dieser Mandelfisch in die Ostschweiz kam und zu seiner heutigen Bedeutung gelangte, ist unklar. Der Publikation «Bloderchäs und Schlorzifladen» ist zu entnehmen, dass er eine überlieferte Spezialität aus dem Toggenburg sei und «dass, er schon sehr lange Zeit angeboten wird». Doch es ist nicht erkenntlich, woher diese Informationen stammen. Ein befragtes Paar, beide gegen Ende der 1920er Jahre in der Ostschweiz geboren, erinnert sich: «Wir haben als Kind schon Mandelfische gegessen! » Die eine Mutter stellte sie mit Hilfe einer billigen Blechform ab und zu selbst zu Hause her. Die andere Mutter kaufte ihn bei einem Hausierer, der regelmässig bei ihrem Hof in Herisau vorbeikam.

Weitere traditionelle kulinarische Produkte aus den Kantonen St. Gallen und Appenzell Ausserrhoden finden Sie hier.

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Herr über Nadeln und Fäden

Bernhard Hollenstein hat in seinem Leben schon Millionen von Stichen gemacht. Auch mit 80 Jahren sitzt er noch täglich an seiner Handstickmaschine und stickt Abzeichen. Er ist einer der letzten Handsticker in der Ostschweiz.

156 Nadeln werden gleichzeitig durch die grosse Stoffbahn gezogen, und es klingt, als würde ein immenser Blasbalg mit Luft gefüllt. Ein leises hohes Zischen wie ein feiner Wind folgt darauf, wenn die Fäden durch den Stoff gezogen werden. Bernhard Hollenstein dreht an der Kurbel seiner Handstickmaschine, die im Keller seines Bauernhauses in Dreien oberhalb von Mosnang steht. Vor und zurück zieht die Maschine mit kleinen zangenartigen Kluppen die Nadeln durch den Stoff. Langsam entsteht ein Edelweiss.

Als Fünfjähriger hat Bernhard Hollenstein hier gelernt, mit der Fädelmaschine die Nadeln mit Fäden zu versehen. Heute ist er 80 Jahre alt und stickt immer noch jeden Tag. Er hat sein Leben Stoffen, Nadeln und Fäden gewidmet. Wenn er einmal nicht an der Stickmaschine sass, war er als Fergger unterwegs, um neue Handsticker zu suchen oder sie mit Stoffen für die Aufträge zu beliefern.

100 Stiche in einer Stunde

Um seine Handstickmaschine Aussenstehenden zu erklären, nimmt Bernhard Hollenstein einen Stickrahmen zur Hand. Er demonstriert, wie die Frauen früher damit gestickt haben, wie sie die Nadel von oben durch den Stoff steckten, sie unten drehten und wieder zurücksteckten. «Die Maschine kann die Nadel nicht umdrehen. Deshalb verwende ich hier Nadeln, die auf beiden Seiten eine Spitze haben, der Faden wird in der Mitte eingefädelt und festgeknüpft», sagt der Handsticker. Und weil die Kluppen sich nicht flexibel über den Stoff bewegen lassen, um das Muster zu sticken, wird der Stoff hin und her bewegt. Bernhard Hollenstein steuert ihn mit dem Pantografen, unter dem das vergrösserte Muster liegt.

Die Handstickmaschine wurde 1823 von Josua Heilmann erfunden. Das Modell in Bernhard Hollensteins Keller stammt aus dem Jahr 1890 und wurde von Karl Bleidorn in Arbon gebaut. Mit ihr kann Bernhard Hollenstein rund 100 Stiche in der Stunde machen. Er stickt vor allem Abzeichen, die er heute noch verkauft. Früher hat er das Krokodil von Lacoste und Edelweiss für Jordi-Uhren gestickt. Heute stickt er vor allem für Vereine. Auch seine gestickten Blumenkarten laufen gut. Und Trachtengruppen bestellen oft den Chüelisteg, das traditionelle Muster, das in die Trachtenhemden eingenäht wird.

40 Jahre als Fergger unterwegs

Bernhard Hollenstein ist schon im Toggenburger Stickerhaus aufgewachsen. Sein Vater hat ihm beigebracht, die Handstickmaschine zu bedienen. In der Freizeit haben er und seine vier Geschwister beim Fädeln und Sticken geholfen. Die sechs Jahre Primarschule hat Bernhard Hollenstein in acht Jahren halbtags absolviert. «Wir waren 70 Kinder in der Klasse», erinnert er sich. Die Oberstufe besuchte er nicht. Eigentlich wollte er als Bub Postautochauffeur werden. «Unser Vater fuhr einmal mit uns in die Lenzerheide. Die vielen Kurven waren ein Erlebnis.» Aber als Bernhard Hollenstein 15 Jahre alt war, besuchte Albert Würmli aus St. Gallen die Familie und sah den Jungen sticken. «Er sagte, ich könne zu ihm nach St. Gallen kommen und Fergger werden. Das war ein grosses Kompliment für mich und ein spannendes Angebot», sagt Bernhard Hollenstein. 40 Jahre lang arbeitete er bei der Firma Altoco AG in St. Gallen. Zuerst bildete er dort neue Handsticker aus, und später war er als Fergger unterwegs. Er war der Mittelsmann zwischen den Rohstofflieferanten und den Stickern. Er hat diese mit Stoffen und Aufträgen beliefert und die fertige Ware wieder abgeholt. Bernhard Hollenstein erlebte den Niedergang der Textilindustrie. «Das war sehr schmerzlich, und zeitweise hatte ich auch Existenzängste.» Als die Firma 1993 Konkurs ging, durfte er Muster mitnehmen und konnte auch einige Kunden behalten. Er stickte auf der Maschine im Keller seines Elternhauses weiter, das mittlerweile ihm gehörte. Trotzdem blieb er mit seiner Frau in St. Gallen wohnen. «Sie hätte sich hier nicht wohl gefühlt.» Erst nach ihrem Tod zog Bernhard Hollenstein nach Dreien zurück.

Einen Nachfolger für seine Stickarbeiten hat Bernhard Hollenstein nicht. Seine Kinder haben andere Berufe gelernt. Aber ans Aufhören denkt er nicht. «Wenn es die Gesundheit erlaubt, will ich noch lange weitersticken.»

Beitrag Tagblatt vom 29.04.2017

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